Wir wissen genau, wie Schönheitsideale entstehen. Wir halten uns trotzdem daran. Zwischen Optimierungsroutinen, Filtern und dem Wunsch, noch wie wir selbst auszusehen, ist der Widerspruch nach innen gewandert. Für den Super Flattering Beauty Index hat Irène Schäppi diese Frage 63 Menschen gestellt.
TEXT: IRÈNE SCHÄPPI
Photos: zvg
In Short
Das Vergleichen ist in die Plattformen eingebaut; peer-reviewte Forschung zeigt, dass das Scrollen schadet, nicht das Posten. In der eigenen Erhebung von Super Flattering unter 63 Menschen sagen 62 Prozent, sie erlebten die Spaltung zwischen Perfektion und einem natürlicheren Leben in sich selbst. Auf die Frage, was Schönheit sei, hat fast niemand vom Aussehen gesprochen.
Dossier
I. Der Beauty Gap
Scrollen, vergleichen, nicht genügen. Ein Mechanismus, der alles andere als zufällig ist.
Seid ihr auch so müde? Ich bin nicht nur müde, sondern fühle mich völlig erschlagen, sobald ich via Social Media, Substack-Channels und manchmal sogar in meinem Bekanntenkreis mit Beauty-Routinen konfrontiert werde, die mich komplett überfordern.
Ein mögliches Beispiel: Morgens um 4.30 Uhr klingelt der Wecker, und Frau und/oder Mann befreit sich von Beauty-Gadgets wie Mundtapes, strategisch platzierten Narbenpflastern, die Faltenbildung durch Seiten- oder Bauchlage beim Schlafen verhindern sollen, Rizinusöl-Bauchwickeln und was weiss ich noch allem. Im Anschluss diverse Supplements, am besten mit Kreatin-Wasser kombiniert, danach mindestens 15 Minuten auf die Vibrationsplatte, Rotlicht-LED-Maske inklusive. Im Badezimmer: Layering diverser Beautyprodukte, Gua-sha-Massage oder Ultraschallgerät für straffe Haut, Sonnenschutz nicht vergessen. Danach raus zum Joggen oder Walken mit der Gewichtsweste. Zurück vom morgendlichen Marsch über 10’000 Schritte gibt es Frühstück, bitte so proteinhaltig wie möglich, sonst klappt es mit der Fettverbrennung nicht. Kaffee erst danach, da dieser auf leeren Magen den Cortisol-Spiegel in die Höhe treiben soll. Und das alles nur, weil ein grosser Teil unserer Gesellschaft danach strebt, wie Hailey Bieber, Anne Hathaway oder Braden Peters aka Clavicular auszusehen.
Ja, auch ich gehöre dazu. Weshalb mein Instagram-Archiv voll mit gespeicherten Posts zu Face Yoga, Ernährungsregimes, Pilates-Übungen @home und whatnot ist, die ich selten bis nie anschaue. Dazu kommt das ständige Vergleichen mit jeweiligen A-Listern und ein unterschwelliges Gefühl, nicht schön genug zu sein. Nicht gut genug.
Dass ich damit nicht allein bin, ist belegt. Forschende um Minhui Li haben im August 2025 in Frontiers in Psychology nachgewiesen: Nicht das Posten, sondern das Scrollen durch Bilder schönerer Körper erhöht körperbezogenen Neid und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Der Mechanismus heisst Appearance Upward Comparison. Ein systematischer Review von Xu et al., 2025 in SAGE Open erschienen, kommt zum selben Befund: Frauen sind strukturell gefährdeter, nicht wegen individueller Schwäche, sondern weil dieser Mechanismus im Plattformdesign angelegt ist.
Statt Individualität und Bodypositivity zu feiern, heizen Social-Media-Konzerne Misogynie auf den eigenen Plattformen an. Und natürlich den Konsum. Was Leute wie Mark Zuckerberg und Jeff Bezos naturgemäss freut.
Für diese Recherche habe ich mit 63 Menschen unterschiedlichster Herkunft, Tätigkeit und unterschiedlichsten Alters gesprochen. Die folgenden Stimmen sind eine Auswahl daraus. In der Auswertung dieser Gespräche zeigt sich: 62 Prozent erleben gerade eine Spaltung zwischen perfektionierter Schönheit auf der einen Seite und bewusst gelebter Natürlichkeit auf der anderen. 63 Prozent finden, «schön sein» werde gesellschaftlich stärker bewertet als «sich wohlfühlen».
Auch die alten Hierarchien sind nicht verschwunden. Attraktiveren Menschen werden nach wie vor soziale und berufliche Vorteile zugeschrieben, das bekannte «Pretty Privilege».
Franzisca Gartenmann, Gründerin von Keen Wellbeing: «Als Instagram um 2014 so richtig Einzug in den Alltag hielt, gab es plötzlich ständig kuratierte Bilder von ultra-schlanken Körpern. Ich erinnere mich noch gut an jene Momente, in denen ich davon überzeugt war, Schönheit bedeute weniger zu essen, weniger Raum einzunehmen.»
Ihre Erfahrung klingt nicht besonders ungewöhnlich. Genau das ist der Punkt. Die Fotografin Raphaela Pichler ertappt sich noch immer bei der Frage: «Warum verbinde ich Schlanksein noch immer mit Schönheit?» Selbst Heidi Clements, 65, Content Creatorin und Pro-Ageing-Aktivistin, kennt denselben alten Reflex: Zunehmen ziehe sie runter, sagt sie, und es frustriere sie, dass das noch immer solche Macht über sie habe.
Was passiert also in einer Kultur, in der Ozempic zum Statussymbol geworden ist? An der Oscarverleihung im März wurde das so offensichtlich wie nie: Gesichter straff und extrem poliert, dazu dürre, durchtrainierte Körper, die in Haute-Couture-Kreationen fast verschwanden. Demi Moore in ihrer massgefertigten Federrobe von Gucci. Diverse Medien nannten diesen Look «dazzling». Kurz nach der Verleihung hatte Kirsten Fleming von der New York Post den Anlass bereits als «Oscars Ozempic Parade» ausgerufen und zu fragen gewagt, ob irgendjemand mutig genug sei, «diesen kränklichen Stars zu sagen, wie sie wirklich aussehen».
Tatsache ist: Ozempic, Botox, Filler und Schönheits-OPs sind mittlerweile mehr als eine Lifestyle-Entscheidung. Sobald Performance optimiert werden kann, bleibt sie selten optional. Leyla Hajrovic, Influencerin im Luxussegment, sieht diese Entwicklung sehr kritisch: «Wir leben in einer Zeit, in der Wissen so zugänglich ist wie nie zuvor, sei es über Techniken, Risiken oder die Wahl der richtigen Ärztinnen und Ärzte. Umso schwieriger finde ich es, wenn man Eingriffe, insbesondere invasive, fast schon leichtfertig angeht. Gerade durch Social Media werden gewisse Behandlungen teilweise verharmlost oder sogar romantisiert.»
Charles Blunier, Creative Director in Zürich und Herausgeber des internationalen STUDIO Magazine: «Selbstoptimierung suggeriert oft, dass wir selbst nicht genug sind. Ich glaube nicht an Optimierung, sondern an Präzisierung: nicht daran, jemand anderes zu werden, sondern klarer zu zeigen, wer man ist.» Philipp Rossmann, freiberuflicher Journalist, findet die ganze Debatte «absolut langweilig und unstylisch». Er möchte kein Lachssperma oder Ähnliches injiziert bekommen, so gross der Druck aus seiner Umgebung auch sein mag: «Ich finde es toll, mein Gesicht bewegen zu können, inklusive meiner Stirn, auch wenn das bedeutet, dass ich da mittlerweile sichtbare Falten habe.»
Elay Neal Moses, Fotograf und Filmemacher, greift ein Thema auf, das in diesem Kontext zu wenig diskutiert wird: «Hässlichkeit wirkt manchmal fast wie die uneheliche Tochter, die man aus dem Dorf vertrieben hat. Ich habe das Gefühl, ein offenerer Diskurs über Hässlichkeit könnte dem Thema Schönheit sogar guttun.» Nur, wer hat überhaupt das Recht, über Schönheit oder Hässlichkeit zu entscheiden?
II. Fürsorge oder Kontrolle?
Longevity, Biohacking, Selbstoptimierung und die Frage, für wen wir das eigentlich tun.
Wir befinden uns in einer sogenannten holistischen Phase, und die ist kein Zufall. Longevity, Biohacking, Selbstoptimierung: Eine milliardenschwere Wellness-Industrie und eine ganze Generation von Self-Optimization-Gurus haben diese Begriffe zum neuen Normal erklärt. Eine meiner Interviewfragen lautete: «Woran erkennst du, dass Fürsorge in Kontrolle kippt?» Als jemand, der in den Teenagerjahren an Magersucht litt, kann ich sie für mich selbst gut beantworten.
Stephanie Neubert, Gründerin und Chefredaktorin von HEYDAY, einem Magazin für Frauen über 40: «Sich um sich selbst zu kümmern kann etwas sehr Schönes sein: Bewegung, Pflege, Gesundheit. Aber wenn daraus eine permanente Selbstüberwachung wird, verliert Schönheit ihre Leichtigkeit. Für mich ist die wichtigste Frage: Tue ich das gerade aus Fürsorge für meinen Körper, oder aus Angst, nicht zu genügen?»
Hugo Tiburccio, CEO von The Front Row Group mit Büros von Los Angeles bis Tokio, antwortet mit einer poetischen Radikalität: «… wenn meine innere Stimme bestrafend wird. Wenn Rituale aufhören, unterstützend zu sein und sich zwanghaft anfühlen, Zahlen die Stimmung dominieren und der Spiegel zu einem Ort der Inspektion statt Wiedererkennung wird.» Ich weiss, wovon er spricht. Und bin, gerade in der Perimenopause und darum mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen, noch mittendrin.
Diese Gespräche helfen. Jenes mit Kelley Ralph zum Beispiel. Die transpersonale integrative Psychotherapeutin aus London: «Ich schaue nicht mehr auf die äussere Hülle. Ich spüre, auf welcher Ebene jemand unterwegs ist, das verrät mir viel mehr als jedes Gesicht.» Was mich direkt zur nächsten Frage führt: Was verraten Gesichter über uns, auch dann, wenn wir es nicht wollen? Oder gar nicht mehr können?
Egal ob auf der Strasse oder in unserem Feed, immer mehr Gesichter, sowohl von Frauen als auch von Männern, unterscheiden sich kaum noch voneinander. Das ist kein Urteil, eher eine Beobachtung, die die Wissenschaft stützt: Der systematische Review von Xu et al. kommt zum Befund, dass Social-Media-Plattformen Schönheitsideale strukturell vereinheitlichen, unabhängig von Herkunft, Alter oder Hautton. Nicht weil wir alle dasselbe wollen. Sondern weil der Algorithmus uns immer wieder dasselbe zeigt. Matin Maulawizada, Make-up-Artist in New York, der seit Jahrzehnten Prominente für Red Carpets vorbereitet: «Wenn es gut gemacht ist, geht mein erster Gedanke von ‹wow, hübsch› zu ‹wow, da ist nichts Unverwechselbares mehr übrig›. Es verschmilzt alles zu einer Schablone.»
III. Das unbewegte Gesicht
Was Gesichter erzählen, und was passiert, wenn sie es nicht mehr können.
Es gibt im Gehirn einen Bereich namens Fusiform Face Area, der auf Gesichter spezialisiert ist. Vieles von dem, was wir darin lesen, sind Bewegungsmuster. Wenn diese fehlen, empfinden wir das als schwammig, diffus. Auch wenn das Gesicht technisch perfekt ist. Die amerikanische Beautyjournalistin Valerie Monroe hat im Januar 2026 in Allure den vom japanischen Robotiker Masahiro Mori im Jahr 1970 geprägten Begriff Uncanny Valley auf botoxierte Gesichter übertragen: jenes merkwürdige Unbehagen, das entsteht, wenn etwas fast menschlich wirkt, aber eben nur fast.
Was dahintersteckt, ist mehr als ein ästhetisches Problem. Emmeline Clein hat im April 2026 in The Cut darauf hingewiesen, dass ein Grossteil unserer emotionalen Bildung über Mikroexpressionen läuft, jene winzigen, unbewussten Gesichtsbewegungen, die wir weder absichtlich erzeugen noch bewusst wahrnehmen. Wer diese nicht mehr zeigen kann, schränkt nicht nur die eigene Ausdrucksfähigkeit ein. Das Gesicht wird für das Gegenüber unlesbar. Selbst negative Emotionen bleiben darin verborgen.
Melanie Winiger, Model, Moderatorin und Unternehmerin, nennt das Kind beim Namen: «Den Frust kannst du nicht wegbotoxen. Du kannst Falten wegbotoxen. Aber das Frustrierte, das tief in einem sitzt, das bleibt.» Anna Rosenwasser, Nationalrätin: «Alles, was uns jünger aussehen lässt, erlaubt uns, weniger Wut auszudrücken, mimisch.» Oder auch Freude.
Genau das habe ich 2018 an mir selbst erfahren, als ich mir absurderweise kurz vor einem Videodreh zu Face Yoga für das ehemalige Friday Magazin die Zornesfalte wegspritzen liess. Und weil mir das im Nachhinein so peinlich war, habe ich mich nie wieder mit Botox behandeln lassen.
Jugendliche Gesichter sind gefällige Gesichter, Gesichter, die weniger fordern. At Hergett, Content Creator und Produktdesigner mit thailändischen Wurzeln, hat lange gebraucht, um sich von diesem Dogma zu befreien. Als einziges asiatisches Kind im Kindergarten hatte er ein verzerrtes Bild davon, wie er auszusehen habe; er wollte sich damals sogar die Nase operieren lassen. Mit der Zeit lernte er, westliche Beauty-Standards nicht mehr automatisch als Massstab zu setzen: «Seitdem ich nicht nur eurozentrische Merkmale als schön betrachte, kann ich Schönheit in allem sehen.» Philipp Rossmann: «Ich bin überzeugt, dass natürliche Mimik in ein paar Jahren ein Comeback haben wird und Anzeichen der Alterung als chic gelten werden.» Ich hoffe, er hat recht.
Joëlle Ciocco, Fazialistin in Paris und Begründerin der Épidermologie®-Methode, widmet sich seit über fünfzig Jahren dem Verständnis der «Haut-Seele»-Beziehung, in der tiefen Überzeugung, dass das natürliche Gleichgewicht der Haut der Schlüssel zu ihrer Langlebigkeit ist. Ihr Urteil zu übertriebenen Beauty-Regimes ist klar: Der Verlust einer grundlegenden Hygieneroutine werde heute kompensiert durch eine regelrechte «kosmetische Adipositas», durch Überkonsum von Produkten, übermässiges Schichten und ungeeignete Kombinationen von Wirkstoffen, zum Nachteil der Hautphysiologie. Dazu beruft sie sich auf Platon: «Wahrheit, Güte, Schönheit, drei Grundlagen, die für das Wachstum des inneren Lebens unerlässlich sind.»
Dieses Zitat erinnert mich an eine taoistische Philosophie, die mir total einleuchtet: Unsere Energie formt unser Gesicht. Nicht, was man tut, sondern wie man ist. Eine Person, die vollkommen sie selbst ist, hat eine magnetische Kraft, von der man den Blick nicht wenden kann. Ob ihre Mundwinkel dabei runterhängen oder sie einen Turkey Neck hat: vollkommen unerheblich.
Das klingt nach Wellness-Sprech, ich weiss. Aber dann sagt Sophie Carbonari etwas, das diese Philosophie für mich auf den Punkt bringt: «Schönheit ist Kohärenz. Sie entsteht, wenn Innen und Aussen nicht gegeneinander kämpfen. Schönheit ist nicht Glätte. Sie ist Integrität.» Kein Wunder, dass Stars wie Naomi Campbell und Rihanna der Pariser Kosmetikerin vertrauen.
IV. Die Gegenbewegung und ihre Grenzen
Auf den Laufstegen Pro-Ageing. Im Feed SkinnyTok. Woher kommt dieser Widerspruch?
Diese noch etwas leise Überzeugung scheint sich in einer Gegenbewegung zu manifestieren. Als Joan Juliet Buck, 77, ehemalige Chefredaktorin der französischen Vogue, im März ein Badezimmer-Selfie postete, ungeschminkt und ohne Filter, ging es viral. Ihre Caption: «Das Gesicht, das ich nie zu haben glaubte.» Joan Juliet Buck hat damit gezeigt: Der lang verbreitete Glaube «Alt werden ist nichts für schwache Menschen» verliert zumindest hinsichtlich Beauty allmählich an Kraft.
Laut einem Bericht der New York Times vom April 2026 zeigten bei den letzten Modeschauen zwar nur fünf Prozent der Top-20-Marken Plus-Size-Models auf dem Laufsteg, dafür aber alle ältere Models. Chanel eröffnete seine Herbst/Winter-Prêt-à-porter-Show in Paris mit Romae Gordon, 50. Matthieu Blazys Regieanweisung backstage war klar: kein Retouching, niemanden jünger machen. «Come as you are», so das Briefing.
Die Soziologin Ashley Mears, Professorin an der Universität Amsterdam, benennt das Paradox nüchtern: Ältere Frauen sind sichtbarer, aber sie sehen nicht altersgemäss aus. Sichtbarkeit kostet. La Rica, Performerin, Dragkünstlerin und Journalistin, findet hierfür noch klarere Worte: «Die Welt wird faschistischer, diese Tendenzen widerspiegeln sich in Schönheitsidealen. Die, die es sich leisten können, optimieren sich, stählen ihre Körper und setzen auf Analyse-Tools sowie Beauty-OPs. Alle anderen müssen schauen, wie sie weiterkommen, falls sie überhaupt die Zeit haben, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Oft geht es ums Überleben.»
Word. Denn während auf den Laufstegen eine Pro-Ageing-Bewegung stattzufinden scheint, wütet auf Social Media SkinnyTok. Die französische Politikerin Clara Chappaz bezeichnete den Hashtag als «widerlich und absolut inakzeptabel», woraufhin TikTok ihn weltweit aus den Suchergebnissen entfernte. SkinnyTok gibt es trotzdem noch, versteckt hinter sogenannten Gesundheitstipps.
Joanita Sidi, die in Ghana als interkulturelle Operations- und Customer-Experience-Managerin arbeitet, benennt zudem eine körperliche Verschiebung, die sie seit Jahren beobachtet: «Als Schwarze Frau wurden Merkmale wie grössere Pos oder vollere Lippen früher belächelt. Heute eignen sich viele weisse Frauen genau diese Formen operativ an. Das sehe ich auf mehreren Ebenen kritisch.» Was die Schönheitsindustrie oder der Kardashian-Jenner-Clan heute als Norm propagiert, hat mit Inklusion wenig zu tun. Es ist ein weiteres absurdes Schönheitsideal.
Immerhin machen mir Aussagen wie jene von Franziska Glauser Mut. Die Content Creatorin und Plus-Size-Aktivistin sagt: «Diäten, dieser Selbsthass hat mich 20 Jahre meines Lebens gekostet. Dahin will ich nie wieder zurück.» Und dann, was die zeitgenössische Tänzerin und Sängerin Momo Tanner über ihre Mutter gesagt hat: «Sie ist siebzig Jahre alt und für mich nach wie vor die schönste Frau der Welt. Seit sie sechzig ist, sagt sie, werde ihr Leben mit jedem Tag nur noch besser. In ihrer Lebendigkeit liegt etwas wunderbar Kindliches.»
Was mich sofort an meinen derzeitigen Lieblings-Deinfluencer Leon von [OFFEN: @xskincare] denken lässt, der in seinen Insta- und TikTok-Videos immer wieder betont: «Ihr seid alle so schön, wie ihr seid!» Leon selbst wurde Anfang 2026 nach einem TV-Auftritt Ziel einer Bodyshaming-Hasswelle. Das sagt eigentlich alles.
V. Lichtblicke
Wo der Druck nachlässt, und was darunter zum Vorschein kommt.
Die Autorin Arabelle Sicardi beschreibt in The House of Beauty (W. W. Norton, 2025) Schönheit als einen Ozean voller Dinge und uns alle als Menschen, die versuchen, nicht darin zu ertrinken, während sie gleichzeitig nach der Hand von jemandem in den Trümmern suchen. Umso mehr für Licht und Hoffnung sorgen die 63 Gespräche, die ich für diesen Artikel geführt habe.
Was mir dabei aufgefallen ist: Fast niemand hat Schönheit mit Aussehen beschrieben. Die Münchner Schmuckdesignerin Saskia Diez: «Schönheit hat für mich viel mit Liebe zu tun.» Nick Steward, Gründer des Duftlabels Gallivant: «Die schönsten Dinge haben ein bisschen Unvollkommenheit in sich. Sie fühlen sich gelebt an.» Lina Hanson, Gründerin ihrer gleichnamigen Skincare-Marke: «Schönheit ist nicht etwas, das wir erreichen oder korrigieren. Es ist etwas, das wir verkörpern.»
Und noch ein Gespräch hat dazu geführt, dass ich mich tatsächlich weniger vor dem Alterungsprozess fürchte, für mich selbst wie für meinen Liebsten. Carmen Meier-Meister, die mit rund 75 Jahren erfolgreich als Model arbeitet und auch auf internationalen Laufstegen unterwegs ist: «Jeder Mensch hat irgendetwas Schönes. Sei es Charisma, Attitüde, Individualität, Natürlichkeit. Heute muss es nicht schön sein, heute muss es interessant und ausdrucksvoll sein. Das ist die wahre Schönheit. Und: Echt zu sein ist besser als perfekt.»
Ganz ehrlich? Am liebsten würde ich mir Carmens letzten Satz auf den rechten Unterarm tätowieren lassen, gleich neben dem griechischen Wort für Licht und dem englischen Victory. Denn so hoffnungsvoll mich die Recherche und die Gespräche für diesen Artikel in die Beauty-Zukunft blicken lassen, und so richtig Sophie Carbonari damit liegt: «Schönheit ist nicht etwas, dem man nachläuft. Es ist etwas, das passiert, wenn man aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen.» Der Kampf in mir wütet noch.
Aber ich hatte kürzlich im Zusammenhang mit meinem aktuellen Körpergewicht eine Art Epiphanie: Ich befinde mich in einer Lebensphase, in der ich offensichtlich mehr Substanz und Kraft benötige. Eine sehr, sehr schlanke Irène könnte ihren heutigen emotionalen Alltag gerade nicht stemmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Und inzwischen schaffe ich es, meinem Spiegelbild zu sagen: Ich liebe dich. Du bist schön. Und: Du bist gut, so wie du bist.
The Super Flattering Beauty Index first appeared in Super Flattering print issue N°01, Summer 2026.





