In conversation with
Zoey Xinyi Gong
«Schönheit hat nichts mit Massstäben zu tun, die andere setzen.» Über anerzogene Ideale und den Moment, in dem Selbstausdruck in Anpassung kippt.
TEXT VON IRÈNE SCHÄPPI
FOTO VON ZHAO LANXIN
Conversation
«Helle Haut, grosse Augen, unter 45 Kilo.» Mit diesem Ideal ist Zoey Xinyi Gong in China aufgewachsen, und sie nennt es toxisch. Heute arbeitet sie als Ernährungstherapeutin in der Tradition der chinesischen Medizin und begleitet Wellness-Reisen, mit Basis in China und Frankreich. Von dort aus sieht sie, wie zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit und Gesundheit aufeinandertreffen.
Kapitel I — Standards
Irène
Du bist mit einer sehr genauen Vorstellung davon aufgewachsen, wie eine schöne Frau auszusehen hat. Wann hast du begonnen, sie zu hinterfragen?
Zoey
Wie alle dachte ich, Schönheit sei etwas rein Äusserliches. Als ich in China aufwuchs, waren die Schönheitsideale toxisch: helle Haut, grosse Augen, unter 45 Kilo. Heute bedeutet Schönheit für mich, das eigene ursprüngliche Selbst zu sein: leidenschaftlich, einzigartig, im Reinen mit den eigenen natürlichen Zügen. Schönheit hat nichts mit Massstäben zu tun, die andere setzen.
Irène
Ertappst du dich noch bei dem Gedanken, schön sein zu wollen?
Zoey
Ich spüre keinen Druck, schön zu sein. Mir fällt auf, dass ich mir die Frage «Wie kann ich schöner werden?» eigentlich gar nicht stelle.
Kapitel II — KORREKTUR
Irène
Du bist 2024 nach China zurückgekehrt. Was ist dir an der Schönheitskultur, die du dort vorgefunden hast, am meisten aufgefallen?
Zoey
Ich bin 2024 nach China zurückgezogen, und ich hasse die Schönheitsideale hier zutiefst. Ihretwegen gibt es so viele unsichtbare Essstörungen und ungesunde Praktiken. Fast alle versuchen, sehr viel Gewicht zu verlieren. Viele junge Mädchen entscheiden sich für Schönheitsoperationen oder für Make-up, das nicht zu ihrem Hautton passt, nur um den «europäischen» Look zu erreichen. Aber für mich liegt das Problem nicht darin, dass sie das tun, und auch nicht in den Mitteln, die sie dafür verwenden. Das Problem ist, warum sie es tun: die ungesunden und trotzdem in den sozialen Medien so gefeierten Schönheitsideale, und der Druck von Männern.
Irène
Sichtbares Altern scheint dich viel weniger zu beschäftigen als der Versuch, es auszuradieren. Warum?
Zoey
Ich weiss nicht, ob es überhaupt etwas auslöst. Altern ist natürlich, finde ich, und wir sollten es mehr akzeptieren. Mehr bewegt es mich, wenn ich eine Person sehe, die sichtbar jünger aussieht, als sie sein dürfte, und der man ansieht, dass sie viel hat machen lassen. Das finde ich etwas unnatürlich.
Irène
Und doch hast du selbst Botox ausprobiert. Was ist passiert?
Zoey
Zum ersten Mal habe ich mir Botox in die Stirn spritzen lassen, als ich in Thailand war. Es war so ein Moment von «Ach, probier ich halt, warum nicht, gibt’s ja überall». Vorher war ich aufgeregt und neugierig. Aber danach war meine Stirn so steif, und ich habe dieses unnatürliche Gefühl gehasst. Ich glaube, es hat auch meinen Ausdruck verändert. Ironischerweise war ich froh über meinen Pony. So konnte niemand meine jetzt völlig faltenfreie, aber viel zu glatte Botox-Stirn sehen.
Kapitel III — SEHEN
Irène
Du weisst genau, was Social Media belohnt. Beeinflussen dich die Bilder noch, die dir dort vorgesetzt werden?
Zoey
Mein Selbstbild ist inzwischen ziemlich gefestigt, deshalb beeinflusst mich das nicht wirklich. Aber wenn mir Social Media Bilder von «perfekten» Körpern, «perfekter» Haut und «perfekten» Gesichtszügen zeigt, die ich nicht habe, bleibe ich schon daran hängen.
Irène
Und wenn du selbst das Bild bist, also wenn du Videos drehst: Was ändert sich dann?
Zoey
Für meine Videos schminke ich mich oft extra. Ich trage gern Make-up und fühle mich dann zurechtgemacht. Aber ich merke, dass Videos, in denen ich im klassischen Sinn «sexy» aussehe, stärker geschminkt und schicker angezogen, viel mehr Aufrufe bekommen. Auf meinen Alltag hat das insgesamt kaum Einfluss. Ich verändere mich nicht für Content, und ich glaube, das schätzt mein Publikum. Was ich von Leuten, die ich auf der Strasse treffe, oft höre: dass ich genauso aussehe wie online.
Zoey verliess Shanghai mit sechzehn Richtung New York, liess sich zur Ernährungsberaterin ausbilden und fand später zur chinesischen Medizin und zur Ernährungstherapie. Ihr Misstrauen gilt selten dem Make-up oder dem Botox an sich. Es gilt dem Grund, danach zu greifen: dem Moment, in dem eine Entscheidung verdächtig nach fremden Massstäben aussieht.
Kapitel IV — Ursprünge
Irène
Wenn du all das wegdenkst: Was ist deine erste Erinnerung an Schönheit?
Zoey
Meine Mutter, wie sie Lippenstift aufträgt.
Dieses Interview wurde für unsere Printausgabe N°01 / 2026 im Rahmen des Super Flattering Beauty Index geführt.







