Die Tarotkarte im August:
Die Königin der Schwerter
TEXT VON RASHUNDA TRAMBLE
ILLUSTRATION VON WEICHER UMBRUCH
Opinion
Was du über deine Vergangenheit erzählst, kann dir die Zukunft verstellen. Die Königin der Schwerter kann dir helfen, diese Geschichte zu beenden.
Du hast dich um eine Beförderung beworben, für die du qualifiziert warst, das wusstest du. Umso grösser der Schock, als du sie nicht bekamst. Und dann noch das: Die Stelle ging an eine externe Beraterin, erst seit zwei Monaten im Haus, zehn Jahre jünger, mit deutlich weniger Erfahrung, aber mit den richtigen Kontakten. Angeblich war der CEO mit ihrem Vater in der Schule. Oder in der Armee. Genau weiss es niemand.
Du hast den Master nachgeholt. Kein Workshop, kein Retreat, kein Führungsprogramm, bei dem du nicht dabei warst. Du hast getan, was man dir sagte, ohne nachzufragen. Deine Loyalität hätte dich nach oben bringen müssen. Hat sie nicht. Und das erzählst du allen, ob sie es hören wollen oder nicht. Im Büro, zu Hause, der alten Dame am Kiosk. Sogar der Nachbarskatze.
Zwei Jahre ist das her. Du erzählst die Geschichte immer noch, wieder und wieder, und mit jedem Mal wird sie ein Stück lebendiger. Die Vergangenheit frisst dir die Gegenwart weg.
Hör auf damit. Dir zuliebe.
Was oben steht, habe ich selbst erlebt
Ich habe die Firma damals verlassen, aber die Geschichte habe ich mitgenommen. Auch an der neuen Stelle lebte ich noch in der alten Erfahrung und sah nicht, was sich mir bot. Und ich war nahe dran, es mir mit den neuen Kolleginnen und Kollegen zu verscherzen, weil ich ihnen ständig erzählte, was mir vorher widerfahren war.
Die zweite Jahreshälfte hat begonnen, und damit die Frage, was wir von der ersten zurücklassen wollen. Gibt es Geschichten, die uns ärgern oder wehtun und die wir uns trotzdem immer wieder erzählt haben? Dieses Jahr, letztes Jahr, im Jahr davor? Wie werden wir sie los? Vielleicht mit der Königin der Schwerter.
WAS DIR DIE KARTE SAGT
Auf der Rider-Waite-Smith-Karte sitzt sie auf dem Thron, ein Schwert in der Hand, der mütterliche Archetyp ihrer Farbe. Das Schwert steht für Klarheit, Verstand, Trennung. Am linken Handgelenk trägt sie, was manche für ein viktorianisches Trauerarmband halten: Schmuck, den man damals zum Gedenken an Verstorbene trug, eine Erinnerung, in der die Endgültigkeit des Todes steckt. Nimmt man Königin, Schwert und Armband zusammen, ergibt das eine Mutter, die nüchtern bleibt und trotzdem liebevoll ist. Und die sagt: Jetzt ist gut.
Keine Zeit für Selbstmitleid
Als die Karte damals in meinen Legungen auftauchte, verstand ich sie als Aufforderung, mir anzusehen, wie und warum ich diese Geschichte in Dauerschleife erzählte. Was machte das mit mir, was mit den anderen? Für einen Moment liess ich die Gefühle draussen, und plötzlich war klar: Solange ich die Geschichte erzählte, steckte ich drin. Aufhören und mir die Opferhaltung abgewöhnen: Nur so kam ich weiter.
Unsere Geschichten haben durchaus ihren Zweck. Sie sind nützlich. Sie ziehen uns aber auch wieder hinein und geben einer Vergangenheit Auftrieb, die dann in unsere Zukunft hineinreicht, manchmal auf eine Art, die schadet. Diesen Monat bittet uns die Königin der Schwerter, freundlich und bestimmt zugleich, damit aufzuhören. Damit wir uns selbst nicht immer neu verletzen. Und die Menschen nicht, die uns lieben.
FRAG DICH
Welche Geschichte erzählst du ständig, obwohl sie wehtut oder dir peinlich ist? Eine, bei der du dich mitten im Erzählen fragst, ob dein Gegenüber sie nicht schon kennt. Wahrscheinlich ja. Hol sie dir jetzt vor Augen. Wenn du so weit bist, versuch Folgendes:
— Such ein paar Fotos von dir aus der Zeit, als es passierte. Findest du keine, dann alte Tagebucheinträge oder was sonst von damals übrig ist.
— Schau das Foto an oder lies den Eintrag. Stell dir vor, du sprichst mit der Person auf dem Bild oder mit der, die den Eintrag geschrieben hat. Lass sie erzählen.
— Dann, und wirklich erst, wenn du bereit bist: Stell dir vor, du bist die Königin der Schwerter auf ihrem Thron, und die frühere Version von dir steht vor dir. Sag ihr: «Was dir passiert ist, war schlimm. Aber weisst du was? Du hast es geschafft. Du bist da. Du hast es überstanden. Es ist Zeit, die Geschichte loszulassen und weiterzugehen.»
— Schliess die Augen. Sieh, wie sie sich umdreht und geht, kleiner wird, verschwindet.
Nimm dir ein paar Minuten, um langsam wieder in der Gegenwart anzukommen. Dann öffne die Augen.
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