In conversation with
Carmen Meier-Meister
«Das beste Alter ist doch das, in dem man gerade ist.» Über das Älterwerden, innere Souveränität und die schwindende Bedeutung konventioneller Schönheit.
TEXT VON IRÈNE SCHÄPPI
FOTO VON PETER MEISTER
Conversation
Mit sechzig wurde Carmen Meier-Meister auf einer Strasse in Zuoz entdeckt, von einer Fotografin, die für Schweiz Tourismus unterwegs war. Heute, fünfzehn Jahre später, läuft sie bei internationalen Schauen. An zwei Dingen hat sich nichts geändert: Sie trägt vorwiegend Schwarz, und interessant zu sein ist ihr wichtiger als schön.
Kapitel I — Stil
Irène
Du sprichst ganz anders über Schönheit, als es die Branche gewöhnlich tut. Was zählt für dich heute?
Carmen
Authentizität. Wenn du die nicht hast, wirkt alles unecht und aufgesetzt. Schönheit kann auch Herzlichkeit, Anmut, Zufriedenheit, Haltung und Stil sein. Wenn man glücklich ist – denke ich – ist man auch schön.
Irène
Wann bist du ganz bei dir?
Carmen
Wenn ich so sein kann, wie ich bin, und mich nicht verstellen muss.
Irène
Man hat den Eindruck, du weisst seit Langem, was zu dir passt.
Carmen
Schönheit und Stil sind eine persönliche Interpretation. Meinen Stil habe ich schon längst gefunden, zeitlos … Ich habe Outfits, die ich vor 20 Jahren gekauft habe und die ich zwischendurch immer noch trage. Mit Stil kann man zum Ausdruck bringen, wie man sich fühlt. Heute trage ich vorwiegend – schnörkellos, puristisch – Schwarz.
Irène
Was hat dich hierfür am meisten geprägt?
Carmen
Die Ästhetik, in allem. Ich habe eine Passion für Fashion, Kunst, Design und Fotografie. Vor Jahren war ich oft in Florenz, in Santa Croce – ich sass dort drin mit dem Feldstecher und habe mir alle Giotto-Fresken ganz im Detail studiert. Und dann noch die Uffizien. Immer wieder die Uffizien. Danach folgte das Interesse für Minimalismus, konstruktive Kunst, Monochromes, dann die Wilden. Ich habe alles durchlebt. Heute ist Kunst für mich nicht nur das gemalte Bild – heute ist Kunst auch ein Erlebnis, das mich mitnimmt und begeistert.
Kapitel II — Schönheit als Praxis
Irène
Ist Schönheit für dich manchmal anstrengend?
Carmen
Sie wird nie zur Arbeit. Schönheitspflege empfinde ich als ausgesprochenes Wohlbefinden. Bevor ich das Haus verlasse, mache ich einen kurzen Kontrollblick im Spiegel und checke mein gesamtes Outfit. Es muss einfach alles stimmen. Dasselbe gilt auch bei der Pflege. 25 Jahre war ich in meinem eigenen Institut für Kosmetik und Körperpflege tätig – ich kenne also Beauty in- und auswendig. Aber das Alter kommt einfach. Ich will mich nicht dagegen wehren und muss auch keinen Krieg damit führen. Ich kann nur in tiefster Dankbarkeit für meine Gesundheit und all meine Privilegien sein.
Lange hat sich Carmen um die Schönheit anderer gekümmert, heute steht sie selbst vor der Kamera. Ihr Blick ist derselbe geblieben: Das Eigene ist ihr lieber als das Korrigierte. Schwarze Kleider, Lieblingsstücke von vor zwanzig Jahren, ein Alter, das man sehen darf, und ein Gesicht, das noch immer ihr gehört.
Kapitel III — Älterwerden
Irène
Was langweilt dich heute am meisten an Schönheit?
Carmen
Diese allwertige Gleichmacherei. Alle wollen die gleichen Lippen, alle schminken sich gleich. Die Schablonenschönheit finde ich furchtbar langweilig. Was sich Leute durch kosmetisch-chirurgische Eingriffe antun, ist manchmal auch eine Gesundheitsfrage. Wenn du deinen eigenen Stil hast, selbstbewusst bist, brauchst du das alles nicht. Ich habe keine Vorbilder, ich folge keinem Trend, ich mache einfach mein Ding.
Irène
Du hast kein Interesse daran, dein Alter zu verstecken. Weshalb überrascht es Menschen immer noch, wenn jemand keine Mühe mit dem Älter werden hat?
Carmen
Warum Erstaunen? Das ist unser aller Weg! Es ist einfach so, ob ich es will oder nicht. Das beste Alter ist doch das, in dem man gerade ist. Sei weniger kritisch mit dir selbst und akzeptiere dich so, wie du bist.
Irène
Und wenn Gesichter fast zu kontrolliert wirken?
Carmen
Ich wünsche diesem Menschen mehr Fröhlichkeit und Entspanntheit. Heute muss es nicht schön sein. Heute muss es interessant sein. Das ist der Unterschied.
Irène
Social Media scheint dir erstaunlich wenig anzuhaben. Wie schaffst du das?
Carmen
Meine Social-Media-Kontakte sind so eingestellt, dass mir sehr viel Positives in den Feed gespielt wird. Alles, was mich nervt oder mir nicht guttut, habe ich gelöscht. Bei mir funktioniert das bestens. Ich habe nie etwas Negatives. Für die Jungen finde ich es oft problematisch, all diese Filter, Ideale, denen sie nicht entsprechen können und auch nicht müssen. Sie sollten weniger Mainstream-hörig sein.
Irène
Gibt es in Beauty und Wellness heute etwas, worüber du wirklich freust?
Carmen
Als stärkend empfinde ich bei Beauty: die schiere Vielfalt an innovativen Beautyprodukten. Bei Wellness: viele Möglichkeiten für mentale und körperliche Fitness. Und bei Longevity: die gesunde, bewusste Ernährung, die positive Einstellung zum Leben – das heutige optimale Gesundheitswesen schätze ich sehr. Als belastend empfinde ich die generelle Masslosigkeit und die verbreitete Selbstlüge, man müsse einem angesagten Schönheitsideal entsprechen – sollte man besser stark sein, statt jedem Trend zu folgen?
Kapitel IV — Sichtbarkeit
Irène
Du wolltest nie Model werden. Wie gehst du damit um, dass heute so viele Blicke auf dich gerichtet sind?
Carmen
Ich habe nie nach Sichtbarkeit gesucht; ich bin zufällig zum Modeln gekommen. Heute nehme ich die Sichtbarkeit an. Mein Job hat auch eine Mission: Frauen in meinem Alter mutiger und sichtbarer zu machen.
Irène
Wenn es also gar nicht mehr um Schönheit geht, worum dann?
Carmen
Jeder Mensch hat irgendetwas Schönes. Sei es Charisma, Attitüde, Individualität, Natürlichkeit. Heute muss es nicht schön sein – heute muss es interessant und ausdrucksvoll sein. Das ist die wahre Schönheit. Und: Echt zu sein ist besser als perfekt. Sei nicht perfekt, sei echt!
Dieses Interview wurde für unsere Printausgabe N°01 / 2026im Rahmen des Super Flattering Beauty Index geführt.







