TEXT: ELENA BERCHERMEIER
FOTO: PAROLE DURE / DEATHTOSTOCK
Opinion
Was wäre, wenn wir uns endlich mit dem Sommer versöhnen? Wenn wir ihn nicht als eine Zeit betrachten würden, in der alles optimiert werden muss. Und den Sommer stattdessen als das sehen, was er eben auch sein kann: eine warme Umarmung. Eine, in der man gerne noch einen Moment länger verweilt und spürt, wie sich der Körper entspannt.
Das Tempo im Sommer ist jeweils ein anderes. Allein schon die inzwischen extremen Temperaturen und die Tatsache, dass wir uns, wann immer möglich, im Schatten aufhalten, sorgen dafür, dass unser Bewegungsspielraum schrumpft. Dass wir mehr Pausen brauchen.
Natürlich: Wärme ist Geborgenheit. Wärme ist Aufatmen und Zurücklehnen. Und Wärme ist einer der schönsten Gründe dafür, alles etwas langsamer anzugehen. Aber auch eine Ursache, auf die wir nicht immer einen aktiven Einfluss haben, wie wir in den vergangenen Monaten feststellen mussten.
Wir erfahren das zum Beispiel an unserem Körper. Denn wir spüren auch, dass unser Körper schwerer wird. Er lässt sich nicht ignorieren, weil er schwitzt, unruhiger schläft und irgendwie schwerer und zugleich weicher wird. Sich eben verändert. Der Sommer beeinflusst zwar, wie wir uns fühlen. Unser Alltag und unser Anspruch an unsere Leistung dagegen bleiben davon beinahe unberührt.
Bei aller Wertschätzung für Longevity und dem Wunsch, jeden Tag bestmöglich zu nutzen, sollte es im Sommer nicht ständig ums Optimieren gehen. Vielmehr wollen wir unseren Körper unterstützen. Dass er langsamer wird und weniger leisten kann, hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun. Das ist eine natürliche Reaktion, die es zu akzeptieren gilt. Vielleicht ist die Antwort darauf, weniger von uns selbst zu verlangen und nachsichtiger zu sein. Durchschnaufen und hinfühlen. Wie unser Körper reagiert, wenn es wärmer wird. Da passiert nämlich einiges.
Unser Körper, seine Regeln
Die Epidemiologin Kristie Ebi, Professorin an der University of Washington, forscht seit mehr als 30 Jahren zu Themen wie der Wechselwirkung zwischen Hitze und Gesundheit. Ihre Arbeit macht vor allem deutlich, wie unser Körper darauf reagiert. Also: Wenn es heiss wird, steigt die Durchblutung unserer Haut, was wiederum die Schweissproduktion anregt, damit unsere Kerntemperatur möglichst stabil bleibt. Schliesslich muss das Herz-Kreislauf-System stärker arbeiten, während der Körper Flüssigkeit und Mineralstoffe verliert. Das beansprucht den Organismus. Die Folge: Wir können müder werden, langsamer reagieren und uns schlechter konzentrieren – weil der Fokus gerade woanders liegt.
Strukturell gesehen, bleibt unser Alltag davon weitgehend unberührt. Termine finden trotzdem statt, ganz egal, wie heiss oder schlaflos die Nacht war. Die Deadline verschiebt sich nicht, selbst dann nicht, wenn wir keinen klaren Gedanken fassen können. Alles soll und muss wie gehabt weiterlaufen.
Welchen Einfluss Hitze auf unsere Arbeitsfähigkeit hat, beziffern die WHO und die WMO in einem gemeinsamen Bericht vom August 2025 mit dem Titel «Climate Change and Workplace Heat Stress». Ab einer Hitzebelastung von 20 Grad, gemessen an der sogenannten Wet-Bulb Globe Temperature, die neben der Lufttemperatur auch Feuchtigkeit, Wind und Sonneneinstrahlung berücksichtigt, beginnt die Produktivität messbar zu sinken: im Schnitt um zwei bis drei Prozent pro zusätzlichem Grad. Arbeiten ist also weiterhin möglich, die Leistungsfähigkeit nimmt jedoch mit jedem weiteren Grad spürbar ab.
Vielleicht braucht es einfach mehr Pausen, auch für unseren Kopf. Denn auch dort geht es ein bisschen langsamer zu. Unsere Gedanken drehen sich jetzt auch mal nur um leckeres Eis und schöne, schattige Orte, an denen wir verweilen wollen. Auch hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan: Wir wollen uns schützen und ziehen uns zurück. Statt praller Sonne geniessen wir die Wärme unter einem Baum. Von dort aus lässt es sich ohnehin viel schöner in den Himmel blicken, dem Rauschen der Äste lauschen und beobachten, wie sich die Blätter bewegen.
Gleichzeitig ist es ein grosses Privileg, sich dem Sommer hinzugeben. Längst nicht alle können die Mittagshitze meiden, ihre Arbeitsbelastung verringern oder ihren Tagesrhythmus an die Jahreszeit anpassen. Menschen in der Pflege, Gastronomie, Landwirtschaft, Logistik oder auf dem Bau können nicht einfach beschliessen, den Rest des Nachmittags an einem schattigen Ort zu verbringen.
Und gerade deshalb wird deutlich: Pausen dürfen kein Luxus sein. Solche Auszeiten müssen nicht verdient werden.
Dass sich die Arbeitswelt durchaus auf Hitze einstellen kann, betont auch Esther Lynch, Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbundes. Sie sagt, Hitzewellen seien vorhersehbar und ihre negativen Folgen könnten durch entsprechende Vorbereitung abgemildert werden. Lynch fordert deshalb klare, an Arbeitsort und Tätigkeit angepasste Temperaturgrenzen sowie verbindliche Strategien für extreme Wetterereignisse. «Hitze ist heute ein vorhersehbares Risiko am Arbeitsplatz», betonte sie im Juni 2026 gegenüber Euronews Health.
Wenn der Körper die Sprache übernimmt
Nicht nur unsere Arbeitslogik erwartet, dass der Körper unabhängig von der Temperatur funktioniert. Auch die Sprache hat sich verändert. Ein Summer Body ist längst nichts mehr, was wir erreichen wollen. Es darf eine Bezeichnung für unseren Körper im Sommer sein, dem wir mit Wohlwollen begegnen. Und wissen, dass Schlaf wichtig ist und dass er im Sommer dennoch anders ist als in anderen Jahreszeiten.
Auch unsere Haut reagiert eigenständig auf Hitze, sagt die Kosmetikwissenschaftlerin Dr. Meike Streker: Im Sommer wird sie dicker, und die Bräune, die dabei entsteht, ist Teil ihres Schutzmechanismus.
Das klingt fürsorglich – gleichzeitig verbirgt sich dahinter oft der Drang nach Biohacking. Selbst Erholung soll möglichst perfekt sein. Elektrolyte sind gerade im Trend, weil sie unseren Flüssigkeitshaushalt ausbalancieren, während Sleep Tech unseren Schlaf überwacht und wir möglichst effiziente Recovery-Routinen testen. Nur, wo bleibt hier das blosse, süsse Nichtstun, das manchmal halt doch am erholsamsten ist? Denn erzielt Erholung wirklich den gewünschten Effekt, wenn wir sie durchplanen, statt sie zu geniessen?
Eigentlich müssen wir unsere Performance gar nicht so krass auf den Sommer vorbereiten, denn unser Körper übernimmt diese Aufgabe selbst. Und gibt ganz von alleine vor, wie er sein möchte. Eben ein bisschen langsamer und weniger getrieben. Mal ist er müder und glänzt vom Schweiss. An manchen Tagen ist er aufgequollen und fühlt sich anders an. Wir dürfen beobachten, müssen jedoch nicht bewerten. Oder anders gesagt: Wir dürfen im Sommer unsere Ansprüche auf Longevity und Selbstoptimierung gerne auch mal in Wohlgefallen auflösen lassen.
Klar, Selbstakzeptanz ist nicht absolut und zeigt sich manchmal darin, unseren Körper nicht zu ignorieren und unsere Erwartungen runterzuschrauben. Den Blick auf uns selbst zu verändern und zu erkennen, dass es manchmal weniger braucht. Weniger Make-up. Weniger Styling. Weniger von all dem, was uns formen möchte. Unsere Kleidung darf uns luftig streicheln statt uns einzuengen.
Was bleibt vom Sommer?
Und was passiert, wenn die Tage wieder kühler werden? Dann halten wir noch etwas inne. Was wollen wir vom Sommer mitnehmen? Welches Gefühl darf bleiben?
Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass wir unser Tempo nicht automatisch wieder erhöhen müssen. Unser Körper hat seinen eigenen Rhythmus. Und wir können ihm mit derselben Wärme begegnen, mit der uns auch der Sommer umarmt.





