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New York Tales

Text: Chiara Alicia Fanconi

Zehn Leute warten vor einem runden Bottich, jeder gefüllt mit Wasser und Eis. Ohne zu zögern steigen sie hinein. Fünf Minuten später sitzen sie in der Sauna, machen Atemübungen, trinken eine Elektrolyt-Lösung. Dann notieren sie in bereitliegende Notizblöcke ihre Gefühle: Ängstlich? Inspiriert? Zufrieden? Es ist Samstagmorgen in New York, neun Uhr. Zeit für Selbstoptimierung. In Manhattan ist Wellness längst kein gemütlicher Spa-Ausflug mehr, sondern ein durchgetaktetes Programm.

Self-Care wird hier fast wie Hochleistungssport zelebriert. Die New Yorker – bekannt für ihren Ehrgeiz – sind auch in dieser Disziplin besonders ambitioniert. Wer mithalten will, trainiert nicht nur Muskeln, sondern auch die Regeneration, das Nervensystem und das Mikrobiom. Der Körper wird zum Projekt und ständig gemessen und verbessert.

Ein besonders bekannter Recovery-Club ist der «Remedy Place». Das Studio wirkt wie eine futuristische Flughafenlounge. In der Lobby – Ton sur Ton in edlem Grau – sitzt bereits eine Klientin in einer Kabine und atmet in ein Sauerstoffgerät, als wäre sie Darth Vader himself. Bei der lymphatischen Kompressionstherapie wird man in einen hautengen Anzug gesteckt. Luftgefüllte Kammern pressen Beine und Bauch zusammen, um den Lymphfluss anzuregen. Für einen Moment fühle ich mich wie eine vakuumierte Presswurst.

A „highlight“ of a particular kind is the massage performed by an AI-controlled robot. During the introduction, the receptionist earnestly explains that I must not press the red emergency button under any circumstances, unless absolutely necessary. Which, of course, means my gaze nervously drifts to the red button throughout the entire treatment. Ein «Highlight» der speziellen Art ist auch die Massage durch einen KI-gesteuerten Roboter. Während der Einführung erklärt mir die Rezeptionistin eindringlich, dass ich keinesfalls die rote Notfalltaste drücken darf, ausser es ist unumgänglich. Was natürlich dafür sorgt, dass mein Blick während der gesamten Behandlung ständig nervös zum roten Knopf wandert.

Wellness im Big Apple beschränkt sich längst nicht nur auf High-Tech-Erholung. Auch das soziale Erlebnis spielt eine immer grössere Rolle. Besonders deutlich wird das im angesagten Studio «Othership», das Gruppenhappenings rund um Sauna, Eisbad und Atemübungen anbietet. Drinnen herrscht eine überraschend offene Atmosphäre. Menschen sitzen um eine Feuerstelle herum und unterhalten sich. Manche sind als Gruppe hier, andere beginnen spontan ein Gespräch mit Fremden. Für besonders Schüchterne liegen kleine Visitenkarten zum Austauschen bereit. Mit 64 anderen Klient:innen werde ich als No. 65 von einem Guide in die Sauna und durch die nächste Stunde geführt. Wir machen Atemübungen und ich werde angewiesen, über schmerzhafte Erlebnisse aus meiner Kindheit zu reflektieren. Ich tropfe schweissgebadet vor mich hin von Ylang-Ylang- und Geranienduft benebelt. Zu guter Letzt werde ich gebeten, meinen Blick auf eine Kerzenflamme in der Mitte der Sauna zu fokussieren. Danach sollen wir unsere Erlebnisse mit den anderen teilen. Typisch New York – keiner hält sich dabei zurück. Gottlob tragen wir bei so viel Seelenstriptease zumindest einen Badeanzug.

In New York boomt auch noch eine andere Wellness-Industrie: Luxus-Supermärkte. Trotz Lebenshaltungskostenkrise geben Gen Z und Millennials easy 15 Dollars für Pistazienmilch aus. Bei «Meadow Lane» in Tribeca stehen fein säuberlich in beigefarbenen Regalen piekfein kuratierte Produkte, und zwischen den edel verpackten Gourmet-Preziosen hängt Kunst. Ich kann nicht widerstehen und kaufe ein Schächtelchen Guava-Nektar-Kollagen-Gelées (24 Dollars).

Ein paar Blocks weiter macht der trendige «Happier Grocery» seinem Namen alle Ehre: Besonders chic ist es hier, seinen Einkauf auf Social Media zu posten. Die transparenten Plastiktüten, in der die Produkte verstaut werden, sind so ästhetisch, dass sie für viele New Yorker:innen ein Statussymbol sind. Das Phänomen des Luxus-Supermarkts begann bei «Erewhon» in Los Angeles. In New York kann man die berühmten «Erewhon»-Smoothies bis jetzt nur auf Uber Eats bestellen – für 25 Dollars.

Während man von Atemritualen und Kältekammern bis zu Darmshots eilt oder Kollagen-Snacks shoppt, stellt sich irgendwann die Frage: Hilft diese permanente Optimierung tatsächlich? Oder erzeugt sie vor allem neuen Druck, noch gesünder, fitter und leistungsfähiger zu werden? Nach diversen Treatments fühlt sich mein Körper zwar entspannt an, aber irgendwie ist Recovery nun zu einer weiteren Aufgabe auf meiner To-do-Liste geworden. Ganz ehrlich: Wenn das Wellness sein soll, brauche ich danach erst einmal Urlaub.

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