In conversation with
Elay Neal Moses
«Schönheit bedeutet für mich Selbstbewusstsein.» Über Gesichter mit Ecken und Kanten, das Älterwerden und darüber, warum es so schwerfällt, bei der Schönheit nicht mehr mitzuspielen.
TEXT VON IRÈNE SCHÄPPI
FOTO IN COURTESY OF ELAY NEAL MOSES
Conversation
Mit sechzehn verbrachte Elay Neal Moses viel Zeit auf Tumblr und rebloggte männliche Models, bei denen er nie ganz sicher war, ob er so aussehen wollte wie sie oder lieber mit ihnen ausgehen. Heute arbeitet er als Fotograf und Director und hat das Magazin AkutMag mit aufgebaut. Er selbst bezeichnet sich als einfühlsamen Beobachter und als jemanden, der eigentlich ziemlich lustig ist, sobald er aufgetaut ist. Perfektion interessiert ihn inzwischen weniger als Selbstbewusstsein.
Kapitel I — Sich selbst gefallen
Irène
Kommt Schönheit von innen oder von aussen?
Elay
Früher war vieles stark an Äusserlichkeiten gebunden und hatte auch viel mit Neid und eigener Unsicherheit zu tun. Heute bedeutet Schönheit für mich Selbstbewusstsein. Dieses kommt von ganz tief innen und strahlt nach aussen. Wenn man an einen Punkt von Selbstbewusstsein und Zufriedenheit gelangt, verändert das sehr viel in einem selbst.
Ich glaube, auch wenn Selbstbewusstsein von innen kommen soll, gibt es kaum etwas Schöneres als ein unverhofftes Kompliment. Sei es von meinem Freund oder von einer fremden Person auf der Strasse. Besonders schön ist es in Momenten, in denen nichts erwartet wird und es einfach aus echter Freundlichkeit entsteht, egal ob es um mein Outfit oder mein Äusseres geht.
Irène
Mit sechzehn gab dir Tumblr ziemlich viel, womit du dich vergleichen konntest. Was hat das mit deinem Blick auf dich selbst gemacht?
Elay
Früher habe ich viel öfter nach links und rechts geschaut und gedacht: Hätte ich doch auch XYZ. Ich habe lange nicht geschätzt, wie ich aussehe, und dass genau das ein Teil von dem ist, was mich zu dem Menschen macht, der ich bin. Man selbst hat ja nicht den Blick, den andere auf einen haben, sondern meistens nur den eigenen, kritischen.
Mit dem Alter ist das verschwunden. Irgendwann hört man auf, sich in dieses toxische Muster fallen zu lassen, und investiert die Zeit lieber darin, sich selbst lieben zu lernen. Sport hat mir dabei enorm geholfen, Selbstbewusstsein aufzubauen.
Und ich nehme es mir auch nicht übel, durch diese unsichere Phase gegangen zu sein. Wenn man mit sechzehn ständig auf Tumblr hängt und Male Models rebloggt, wie soll man da völlig entspannt bleiben? Als schwuler Mann kommt noch hinzu: Will ich so sein wie er, oder will ich ihn? Die Linie dazwischen ist manchmal ziemlich verschwommen.
Kapitel II — Fürsorge
Irène
Wann hört Selbstfürsorge auf, gutzutun, und wird zur Arbeit?
Elay
Wenn man Idealen nachjagt, die mühsam und unrealistisch zu erreichen sind. Das ist Arbeit. Meine Beziehung zu Sport ist gut, weil ich hingehe, wenn ich Lust und Zeit habe. Es ist kein Muss mehr, sondern ein Wollen. Irgendwann shiftet der Blick, und dann sollte es Spass machen.
Irène
Du gehst scheinst mit mehr Vorfreude als Angst auf die Dreissig zuzugehen. Was ist anders?
Elay
Es fühlt sich gut an, auf sich selbst zu achten. In den Zwanzigern lebt man oft einfach so vor sich hin: Man trinkt, man raucht, und irgendwie funktioniert trotzdem alles. Wenn man dann langsam auf die Dreissig zugeht, merkt man plötzlich, dass sich etwas verändert. Die ersten Fältchen kommen, die Drinks bleiben länger hängen.
Ausserdem möchte ich lange und gesund leben. Die Prioritäten verschieben sich, und man will sich auch selbst etwas beweisen, gerade weil so viele sagen, dass es mit dem Alter bergab geht. Ich möchte, dass es bei mir bergauf geht.
Der einzige Stress entsteht manchmal dadurch, dass man sich durch all die Angebote durcharbeiten muss, ohne sich verarschen zu lassen. Sich in diesem Dschungel aus Versprechen zurechtzufinden, ist ziemlich anstrengend.
Irène
Und wo verläuft die Grenze zwischen Disziplin und dem Punkt, an dem der Spass verloren geht?
Elay
Ich bin im Sternzeichen Stier, und die sind angeblich ziemliche Geniesser. Das merke ich an mir auch. Es gab selten Momente, in denen ich das Gefühl hatte: Jetzt übertreibst du. Manchmal wünschte ich mir sogar etwas mehr Disziplin. Gleichzeitig habe ich meine Ziele trotzdem erreicht. Und wäre ich zu streng gewesen, hätte ich mir Spass und Leichtigkeit genommen und wäre wohl schneller wieder in alte Routinen zurückgefallen. Slow and steady wins the race. Am Ende muss man auch einfach nett zu sich selbst sein.
Irène
Welche Gewohnheit rund um Schönheit oder Optimierung hinterfragst du heute kritisch?
Elay
Es gab eine Zeit, in der ich jeden Morgen früher aufgestanden bin, um Make-up zu benutzen. Rückblickend frage ich mich, ob es wirklich gut aussah und ob es meiner Haut guttat, zumal ich mich damals kaum um Skincare gekümmert habe. Ich hatte immer das Gefühl, dunkle Augenringe zu haben, und habe krampfhaft versucht, sie zu überschminken. Dabei hatte ich eigentlich gar keine.
Es gibt viele solcher Momente, auf die man später zurückblickt und einfach denkt: ach. Mal sehen, worüber ich in Zukunft genauso denken werde.
Irène
Welche Teile des aktuellen Wellnessbooms überzeugen dich wirklich, und welche hältst du für Humbug?
Elay
Stärkend finde ich alles, was natürlich ist und ohne grosse Eingriffe auskommt. Ich probiere gerade Red Light Therapy gegen Rötungen und Ekzeme, eine wissenschaftlich untersuchte Methode, die sich unkompliziert anfühlt. Genauso glaube ich an regelmässige Saunabesuche, lange Spaziergänge, eine normale Feuchtigkeitscreme und viel Wasser. Also all die Dinge, die einfach Sinn ergeben.
Belastend finde ich dagegen den ganzen High-Protein-Trend. Ich kann oft gar nicht mehr durchschauen, was wirklich gut ist und was drinsteckt, weil plötzlich jede Marke darauf aufspringt. Als Konsument ständig Detektiv spielen zu müssen, nervt mich.
Kapitel III — Wie wir uns sehen.
Irène
Du arbeitest beruflich mit Bildern. Kannst du dich ihnen heute besser entziehen?
Elay
Als Teenager war ich ein Haufen aus Unsicherheit, Selbstzweifeln und dem ständigen Wunsch, mich zu optimieren. Ich wollte grösser sein, stärker, cooler. Ich habe mich mit allem und jedem verglichen. Das war keine schöne Zeit. Manchmal wünschte ich, mein heutiges Ich hätte meinem damaligen Ich etwas von dieser Liebe geben können.
Heute bin ich viel sicherer. Ich würde aber lügen, wenn ich sagte, dass mich alles kalt lässt. Ich wäre immer noch gerne 180 cm oder grösser. Und manchmal sehe ich jemanden, der scheinbar das perfekte Leben führt, und denke kurz: Damn, was mache ich eigentlich falsch? Dann erinnere ich mich daran, dass ich vielleicht genau diese Person für jemand anderen bin.
Was ich fast am lustigsten finde: Ich liebe es, wenn Dinge nicht perfekt sind. Ecken und Kanten, etwas Komisches. Das macht Menschen und Dinge interessant. Warum sollte ich das also nicht auch an mir selbst lieben? Irgendwie ziemlich paradox.
Social Media lässt mich manchmal schlechter dastehen, als ich bin. Ständig gibt es Schöneres, Grösseres, Besseres. In solchen Momenten besinne ich mich darauf, was ich wirklich habe: Liebe, Freiheit, Gesundheit. Das ist gar nicht so selbstverständlich.
Als Fotograf und Director macht Elay heute genau die Art von Bildern, die er früher stundenlang konsumiert hat. Den Kreislauf kennt er gut: Man schaut auf andere, stellt sich selbst anders vor und lernt irgendwann, dem Vergleich zu misstrauen. Heute ziehen ihn Ecken und Kanten an, das, was ein wenig quer liegt. Selbstbewusstsein, wie er es beschreibt, lässt der Eitelkeit durchaus ihren Platz. Es weiss nur, wann es sie überhören kann.
Kapitel IV — Älterwerden
Irène
Du klingst irgendwie begeistert vom Älterwerden. Was siehst du, wenn du jemanden sichtbar altern siehst?
Elay
Ich liebe es. Kaum etwas ist schöner im Leben, als alt werden zu dürfen. Wir müssen unseren Blick darauf ändern: Es ist nicht selbstverständlich, älter zu werden. Es ist fast ein Privileg.
Ich verstehe natürlich, dass man sich innerlich noch wie dreissig fühlen kann, während man achtzig ist, und sich manchmal wieder jung wünscht. Genau deshalb sollten wir, solange wir jung sind, uns einfach geniessen. Und ausserdem gibt es bei mir im Gym zwei ältere Herren, deren Körper und Fitness wirklich brutal sind. Ich staune jedes Mal. Absolute Vorbilder.
Irène
Und trotzdem verschafft einem Schönheit enorm viel Aufmerksamkeit. Was träte an ihre Stelle, wenn sie weniger mit dem Aussehen zu tun hätte, und kann man überhaupt aussteigen?
Elay
Der Umgang mit anderen Menschen. Charakterzüge, Werte, moralische Vorstellungen. Wir kennen doch alle diese eine Person, die äusserlich sehr attraktiv ist, aber eigentlich ziemlich enttäuschend. Und trotzdem lassen wir uns in den Bann ziehen.
Schönheit regiert die Welt, da können wir noch so aware sein. Am Ende sind wir ein bisschen wie kleine Elstern, die sich von allem angezogen fühlen, was glänzt. Schönheit bringt Aufmerksamkeit, Jobs, Follower. Das hält uns alle im Hamsterrad, weil niemand wirklich aussteigt. Um da wirklich herauszukommen, braucht man eine konsequente Aussteigermentalität und ein Umfeld, das das stützt.
Irène
Wenn ein Magazin Schönheit ernst nehmen will, worüber müsste es bereit sein zu sprechen?
Elay
Vielleicht das Thema Hässlichkeit. Wir verschweigen es erstaunlich oft. Was macht jemanden überhaupt hässlich? Was finden wir an uns selbst hässlich? Hässlichkeit wirkt manchmal fast wie die uneheliche Tochter, die man aus dem Dorf vertrieben hat. Ich glaube, ein offenerer Diskurs darüber könnte dem Thema Schönheit sogar guttun.
Ausserdem wünsche ich mir weniger paradoxe Signale. Wenn ich in einer Ausgabe lese, wie schön Altern sein kann, und drei Seiten weiter eine Werbung für eine Anti-Aging-Creme sehe, funktioniert das für mich nicht. Da fehlt mir ein klarer Standpunkt, eine echte Haltung. Ich verstehe, dass Medien finanziert werden müssen. Aber diese Paradoxien nehmen zu. Vieles wirkt wie eine Kopie der Kopie. Mir fehlt manchmal der Mut zur Originalität.
Irène
Was bedeuten Schönheit und Wohlbefinden nach all dem für dich heute?
Elay
Schönheit kann das herzliche Lachen meines Freundes sein oder die Art, wie Wasser in der Mittagssonne glitzert. Für die einen sind es Muskeln, für andere eine behaarte Brust. Ich glaube, Schönheit steckt in allem, aber definieren muss sie jeder Mensch für sich selbst.
Und Wohlbefinden bedeutet für mich genau das, was im Wort steckt: sich wohlbefinden. Auf sich achten. Das kann an einem schlechten Tag ein Stück Kuchen sein, aber auch ein gesunder, proteinreicher Salat nach dem Training. Heute bedeutet es mir viel, und ich glaube, man kann es formen und verändern, solange man die eigene Geschichte selbst erzählt und sie sich nicht von jemand anderem vorgeben lässt.
Dieses Interview wurde schriftlich für den Super Flattering Beauty Index 2026 geführt. Der Index erschien in SUPER FLATTERING PRINT ISSUE N°01 / SUMMER 2026.







