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Kuratorin des Lebens

Anouck Mutsaerts gehört zu den Frauen, bei denen es scheint, als fügt sich optisch alles mühelos zusammen. Cremefarbene Hosen mit Polka Dots kombiniert sie mit einem grün-schwarz gestreiften Pullover. Um die Mitte eines magentafarbenen Kleids wickelt sie ein weisses Foulard oder sie trägt Querstreifen zu Längsstreifen. Selbst kräftige Farben verlieren bei ihr jede Aufdringlichkeit.

Text: Jocelyne Iten

Fotos: Daphné Gikel

Wir treffen die Stylistin und Kreativdirektorin in ihrem Atelier an der Rue Cingria in Genf. Hier arbeitet sie gemeinsam mit Schmuckdesignerin Lyla Marsol auf rund zwanzig Quadratmetern an ihrer gemeinsamen Schmuckmarke Aglagla, die sie vor eineinhalb Jahren gründeten. Marsol sitzt konzentriert am Fenstertisch, Airpods in den Ohren, und fädelt hellblaue, erbsengrosse Perlen zu einem Collier auf. Aus zeitgenössischen und Vintage-Perlen fertigt sie Halsketten, Armbänder und Ohrringe von Hand – viele davon in limitierter Auflage oder als Einzelstücke. Überall sieht man Schalen mit Glasperlen, Stapel alter Magazine und lose Notizzettel. «Es ist ein Chaos», sagt Mutsaerts fast entschuldigend, während Dackel Albert um ihre Beine wuselt. Sie selbst verantwortet die Kommunikation und übersetzt die einzelnen Schmuckstücke in die visuelle Welt des Internets.

Gerade erst kam das Duo von der Mailänder Möbelmesse zurück – bald stehen die nächsten Pop-up-Events an. Kundinnen bestellen inzwischen aus den USA, Asien oder Skandinavien. «Es läuft gut, wir befinden uns in einer Wachstumsphase», sagt Mutsaerts. Stolz klingt mit – aber auch Respekt, denn die steigende Nachfrage bringt auch die Herausforderung mit, den Charakter der Marke zu bewahren.

Vor Kurzem ging für Anouck Mutsaerts ein wichtiges Kapitel zu Ende. Neun Jahre lang arbeitete die 32-Jährige als freie Stylistin für das Lifestyle-Magazine «T», einer Beilage von Le Temps. Es war ihr erster grosser Job. Dort habe sie viel gelernt, wichtige Kontakte geknüpft und sich ein weitläufiges Netzwerk aufgebaut. «Ich war sehr eng mit dieser Arbeit verbunden», sagt sie. Gleichzeitig sei der Wunsch gewachsen, eigene Projekte umzusetzen.

Die Suche nach einer eigenen Ausdrucksform begann schon früh. Geboren wurde Anouck Mutsaerts in Singapur als Tochter niederländischer Eltern. Später lebte die Familie in der Schweiz, bevor Anouck mit Anfang zwanzig alleine nach London zog, um Journalismus zu studieren. «Ich habe Narrative immer geliebt», sagt sie. Geschichten, Figuren, ganze Welten. Die akademische Seite des Journalismus hat sie allerdings schnell ernüchtert. London dagegen veränderte vieles. «Die Stadt ist so lebendig. Die Leute kleiden sich selbstbewusst und haben einen ausgeprägten Sinn für Individualität. Ich habe dadurch eine ganz neue Seite von mir entdeckt.» Als Kind und Teenager sei sie eher schüchtern und introvertiert gewesen. «Ich galt immer als das seltsame Mädchen.» Hier habe sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt, sich nicht erklären zu müssen. In London befasste sie sich mit Fotografie, begann sich für Archive Fashion zu interessieren – dem Sammeln historisch bedeutsamer Stücke aus vergangenen Designer-Kollektionen – und verstand, dass Kleidung mehr sein kann als blosse Oberfläche. «Mode hat mir geholfen, mich in meiner Haut wohler zu fühlen.»

Eine Frau in einem Outfit mit Blumenmuster steht vor einem grünen Bücherregal und blättert in einem Buch in einer Hausbibliothek, die mit Büchern und persönlichen Gegenständen gefüllt ist.
Hausregel: Neuanschaffungen ja, aber nur, wenn dafür etwas geht.

Zurück in der Schweiz machte sie einen Master in Kunstgeschichte, trug kurze, weisse Haare und sammelte immer mehr Kleidung und Objekte. «Ich war obsessed», sagt sie und lacht. Ihr damaliger Freund habe irgendwann zu ihr gesagt: «Du musst nach Paris ziehen und in der Mode arbeiten.» Also packte sie ihren Koffer und ging. In Paris hangelte sie sich zunächst von einem schlecht bezahlten Praktikum in kommerziellen Warenhäusern zum nächsten. «Es war so langweilig», erinnert sie sich. Sie schrieb Stylistinnen an, sprach mit verschiedenen Menschen und begann schliesslich als Assistentin von Elodie David zu arbeiten, die heute als Fashion Director für Harper’s Bazaar France tätig ist.

«Styling war für mich eine Möglichkeit, meine Narrative mit Formen und Farben zu verbinden. Mein Hirn ist wie eine Collage», erklärt Mutsaerts. Für ein Shooting steckt sie Zucchetti in gestreifte Eierbecher des Zürcher Lifestyle-Labels enSoie oder sie hängt eine Diamantkette von Chanel in den Kühlschrank. Ihre Bildwelten wirken verspielt, nie bemüht, oft mit subtilem Humor. Dunkles Lila allerdings mag sie nicht.

Ansonsten vertraut Mutsaerts bei Farben vor allem ihrem Gefühl. «Ich weiss zwar, dass es all diese Systeme gibt, wie Farbtherapie eingesetzt werden kann oder welcher Farbton der Haut steht, aber für mich funktioniert das nicht.» Es komme natürlich schon mal vor, dass sie versuche, ihre Narrative zu stark zu betonen, sagt sie – doch dann verliere die Arbeit meist etwas an Ausdruckskraft.

Anouck Mutsaerts versucht generell, nicht alles ständig zu überdenken: Ist das jetzt gesund? Passt das zusammen? Sie sei eine Geniesserin, sagt sie, nicht besonders streng, aber aufmerksam. Während des Gesprächs trinkt sie Sprite, zieht an ihrer E-Zigarette und spricht ohne grosse Attitüde – anders als bei Modeleuten sonst. Gleichzeitig beschreibt sie sich als sehr sensibel. Geräusche, Gerüche oder Stimmungen nehme sie intensiv wahr. Während der Schwangerschaft sei das noch stärker geworden. Zeitweise konnte sie weder den Geruch ihres Mannes noch den ihrer Lieblingskerzen ertragen. «Jetzt ist das zum Glück wieder wie vorher.»

Ihren Mann Pol, ein Galerist, lernte sie im Flugzeug auf dem Weg zur Kunstmesse in Monte Carlo kennen. «Wir kannten uns flüchtig über gemeinsame Freunde, hatten aber nie wirklich miteinander gesprochen. Und nun sassen wir nebeneinander. So etwas passiert doch eigentlich nie! Man sitzt doch nie neben jemandem, den man cute findet.» Im September vergangenes Jahr kam dann Sohn Lars zur Welt. Über ihre Schwangerschaft spricht Mutsaerts auffallend ungeschönt.

«Ganz ehrlich, ich fühlte mich während der Schwangerschaft gar nicht wohl.» Ihr sei ständig übel gewesen, sie fand sich nicht hübsch. Auch stilistisch sei es nicht die beste Zeit ihres Lebens gewesen. «Ich glaube, Frauen neigen dazu, diese Phase zu romantisieren, dieses ganze Bild von Pregnancy Glow und der schönen Geburt». Natürlich sei Mutterwerden etwas extrem Kostbares. «Ich glaube aber, wir erwarten manchmal zu sehr, dass alles schön sein muss. Das echte Leben ist nicht immer ästhetisch.»

Ihr Bezug zum eigenen Aussehen hat sich dadurch aber nicht grundlegend verändert – nur der Alltag sei heute ein anderer. «Schnell das Gesicht waschen und etwas Rouge auftragen», sagt sie pragmatisch. Umso mehr geniesse sie zwischendurch kleine Selfcare-Momente wie Saunabesuche. Sie läuft gerne nachts mit Dackel Albert durch Genf und hört dabei Techno, geht laufen, schwimmen oder segeln. Ihr Mann Pol, der in der Bretagne aufgewachsen ist, sei ein guter Segler.

Schmuckdesignerin Anouck Mutsaerts
Produkte von links nach rechts: «Baume des Muses» von OFFICINE UNIVERSELLE BULY, «Peeling Acides de Fruits» von ALAENA, «Sublimage Le Masque» von CHANEL, «Acqua di Fior d'Arancio» von SANTA MARIA NOVELLA, «Double Wear Sheer Long-Wear Makeup SPF 20» von ESTÉE LAUDER, «Flush Balm» von MERIT, «Relief Sun Rice + Probiotics SPF 50+» von BEAUTY OF JOSEON.

Schönheit, sagt Mutsaerts, habe für sie wenig mit Perfektion zu tun. «Natürlich gibt es physische Schönheit. Aber das, was wirklich bleibt, sind Persönlichkeit und Charisma.» Sie spricht über Energie, Ausstrahlung, Neugier, Humor und Freundlichkeit. Über Menschen, die sich nicht verstellen. Vieles, was ihre eigene Ästhetik ausmacht, findet sie in Galerien, Museen, alten Magazinen oder Musik. Sie hört sowohl Garage-Musik aus den Achtzigern als auch romantischen, italienischen Pop von Eros Ramazzotti. «Die Kinderlieder, die ich jetzt mit meinem Sohn höre, gehen mir allerdings schon ziemlich auf die Nerven», sagt sie trocken.

Privat umgibt sich Mutsaerts mit Menschen, die so ähnlich wie sie auf Kultur und Gestaltung blicken. Besonders ihr Mann Pol spiele dabei eine wichtige Rolle. «Er ist sehr kultiviert und hat unglaublich viele Referenzen im Kopf», sagt sie. Gleichzeitig beschreibt sie ihn als ruhig und geduldig – ganz im Gegensatz zu sich selbst. «Ich bin eher hyperaktiv.» Bei ihm könne sie jede Version von sich selbst sein und werde vollkommen akzeptiert. Als er zum ersten Mal ihre farbige Wohnung betrat, sagte er: «Oh mein Gott, das ist intensiv!» Heute hängen auch in seiner Garderobe ein paar farbige Stücke.

Schönheit, das wird an diesem Nachmittag immer wieder deutlich, findet Anouck Mutsaerts oft in Momenten, die nicht erzwungen werden. Für sie ist das manchmal einfach ein Citybike, frisch gewaschene Haare im Wind und ein Dackel vorne im Körbchen.

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