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Affen-Fangis

Text: Olivia El Sayed

Auf die Gefahr hin, mit dem Auftakt zu diesem Text ungefähr gleich viele Funken zu versprühen wie ein vergilbtes Kalenderblatt auf einem verstaubten Sekretär im Brocki, klammere ich mich dennoch immer gern an diese kleine Wahrheit: Es gibt so viel Schönes, jeden Tag.

Ich meine das Licht, das sich heute Morgen in den Gardinen verfing? Dazu nur ein bisschen Wind — und schon sieht alles so aus wie inszeniert. Mein Kaffee, den ich vielleicht nur wegen des wohligen Gefühls einer warmen Tasse in der Hand trinke — schon im Bett freu ich mich darauf. Das schnurrende Knäuel auf meinem Bauch? Da wohnt einfach dieses Katzentier mit uns, das mich anmaunzt, wenn wir uns kreuzen und nachts seine Schnauze in meiner Achselhöhle vergräbt. Und erst die verschlafenen Chindergsichtli in den aufgeflufften Duvets? Ich liebe es so. Es sind aber auch einfach Dinge wie die Jamadu Apfel-Cracker, die eigentlich in die Znüniboxen gehören, die ich aber fast noch lieber mit einem Gebrannte-Mandeln-Brotaufstrich bestreiche und mir mit einem genüsslichen Happs einverleibe, noch bevor irgendjemand anderes einen Fuss in die Küche gesetzt hat. Dazu ein lang nicht mehr gehörtes Lied im Radio. Es gibt so viel Schönes, jeden Tag.

Mein Fundus an kleinen Freuden umfasst Erinnerungen, Filme, Memes, spezielle Sorten Chips und die Locken meiner Mutter. All das reicht, um mich an meinem Fundus tage- und sogar wochenlang entlangzuhangeln, ohne den Boden der Realität je berühren zu müssen. Ich habe so viele kleine Freuden, dass ich sie ausleihen und verschenken kann. Ich schicke sie Freunden, und ich erzähle meinen Kindern davon: Ich zeige ihnen meine und frage sie nach ihren. Damit wir nie vergessen, wie viele da sind. Damit wir immer wissen: Gar nicht weit von meiner Nase entfernt baumelt in greifbarer Nähe etwas Schönes – also Augen auf und gutgläubig die Arme ausstrecken!

Mal gibt es eine plötzliche Wendung zum Guten, wenn Kinder mitten in einem ernsten Gespräch gähnen oder eine völlig zusammenhangslose Frage stellen und damit alles wieder leicht und lustig wird. Oder es ist der Busfahrer, der nochmals anhält und mich mitnimmt und mir damit ein kleines, stolzes Geschaffthaben ermöglicht, weil ich dieses Mal nicht zu spät komme. Es ist der Nieselregen, der macht, dass mich beim Joggen niemand sieht und dass ich später keine Ausrede brauche, um mitten am Tag eine neue, tolle Serie anzufangen. Es ist die Freundin, die mich anruft, obwohl wir beide immer wieder betonen, wie schrecklich wir Telefonieren finden – um dann aber routiniert unsere Handys an Cornflakes-Packungen zu lehnen, damit wir die Hände frei haben zur Untermalung aller Geschichten, bis wir wieder wissen, wie das ganze Leben bei der anderen grad ist. Es ist das Finden neuer kleiner Einsichten in Bereichen, wo man meinte, schon alles zu wissen. Und es ist der Song «It’s All Coming Back to Me Now» von Céline Dion, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich ihn inmitten eines angetüdelten Frauenchors letzten Samstag inbrünstig in die Nacht plärrte.

In unsteten Zeiten wie diesen, in denen man nie weiss, mit welcher Push-Nachricht man in den neuen Tag starten muss, hilft es, ab und an durchs Leben zu gehen wie früher beim Affen-Fangis, bei dem man von Gerät zu Gerät hüpfte oder sich von Tau zu Tau schwang, ohne dass die Füsse je den Boden berührten – als wäre unten Lava. Bei diesem Fangspiel musste man auch oft auf gut Glück losspringen und die Arme ausstrecken, probieren und hoffen, dass es bis zum nächsten Tau reicht. Weil eben: unten ist Lava! Und im richtigen Leben ist da vielleicht MAGA. Machtgier, Krieg und Korruption, verzweifelte Menschen, Hass und Leid und so viele seltsame, übers Internet hinausgepfefferte Narrative, die uns verunsichern und den Glauben an das Gute streitig machen wollen. Ich will das alles manchmal nicht hören und wissen. Ich will mich am Guten festhalten, mich einfach nur weiterhangeln, über eine Bank springen und mich am Ende auf eine weiche Matte fallen lassen.

Manchmal spüre ich erst abends in meinen müden Armen die Kraft, die es gebraucht hat, um mich oben zu halten. Und das ist okay, denn ich will den Boden gar nicht ignorieren. Ich weiss in jedem Moment, dass es ihn gibt. Ich bin ja schon erwachsen und die Turnstunde ist längst vorbei. Aber ich will mich so lange von Tau zu Tau schwingen, bis mein Herz leicht und meine Kraft gross ist. Damit ich doch immer wieder ein paar Schritte über Lava gehen kann, um denen, die losgelassen haben und nicht wissen, wie und wo sie wieder ein Tau erwischen, die Hand hinzustrecken und zu sagen: Es gibt so viel Schönes, jeden Tag.

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