Lange wurden Frauen im Film vor allem betrachtet, von anderen, für andere. Flo und Kim Nüesch wollen das ändern. Das Schweizer Regisseurinnen-Duo arbeitet in einer Branche, die noch immer von Männern geprägt ist, und weiss aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, als Duo darin zu bestehen.
Ich treffe die Nüesch Sisters im Café Noir in Zürich. Florine und Kim Nüesch wuchsen in St. Gallen auf, studierten am Art Center College of Design in Los Angeles und leben heute in London und in der Schweiz. Filmemachen wollten sie schon immer. Sie erzählen mir ihre eigene Geschichte, bei der es darum geht, sich immer weiterzuentwickeln und sich selbst zu hinterfragen. Mit ihren Filmen wollen sie keine Antworten geben, sondern Auslöser für Gespräche liefern, erklärt mir Flo.
Bereits im Kindesalter haben die beiden Schwestern damit begonnen, eigene Filme zu drehen. Anfangs standen sie hauptsächlich selbst vor der Kamera. Den ersten Perspektivwechsel wagten sie, als sie sich dafür entschieden, die Rollen der Regisseurinnen zu übernehmen. „Wir haben unglaublich viel über das Bonusmaterial und die Making-ofs auf DVDs gelernt. Da haben wir zum ersten Mal verstanden, was alles hinter der Kamera passiert“, sagt Flo. Mit ihren Eltern hatten sie ein Team an ihrer Seite, das sie immerzu unterstützte. Ihre Mutter schrieb Geschichten für sie und ihr Vater kaufte ihnen den ersten Mac, um die selbstgedrehten Filme zu schneiden, was ihnen beim Storytelling eine enorme Freiheit schenkte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie etwa neun und sieben Jahre jung. Aus dem kindlichen Berufswunsch zweier Schwestern wurde eine Karriere, die sie kontinuierlich gemeinsam verfolgten und vorantrieben. „Unsere Mutter hat uns schon ganz früh so eng zusammengeschweisst. Sie ist früh gestorben, was uns noch näher gebracht hat“, sagt Flo. «Durch unsere enge Bindung merken wir oft schon kleine Veränderungen bei der anderen», sagt Kim.
Dass sie fortan als Duo arbeiten würden, war selbstverständlich. Ein Jahr nachdem Flo ihr Studium am Art Center College of Design in Los Angeles. begonnen hatte, kam Kim nach. Das war die einzige Zeit, in der sie zwar an denselben Themen arbeiteten, aber nicht denselben Weg einschlugen. Ihrer Verbindung tat das keinen Abbruch, denn so waren sie immer in die Projekte der Anderen involviert.
Mittlerweile wohnt Kim in London und Flo in Zürich, was für die beiden aber keine Hürde bei der Zusammenarbeit ist. Sie mussten lediglich etwas flexibler werden. Sie sprechen nun auf ganz vielen Kanälen miteinander über Ideen, Projekte oder konkrete Schnitte bei Filmen. Das geschieht mal telefonisch oder per FaceTime und ist immer mit einer gewissen Nähe verbunden. Meist beginnen ihre Projekte damit, dass eine von ihnen einen Gedanken hat, der aus einem alltäglichen Thema entspringt, über das sie sich dann austauschen. Dabei spielen feine Beobachtungen ebenso eine Rolle wie ihre persönliche Sicht auf die Dinge. Sie besprechen, verwerfen und entwickeln das Narrativ der Geschichte so lange, bis es für beide stimmt.
„Es ist überhaupt nicht so, dass wir wegen Projekten nicht streiten. Natürlich gibt es mal Momente, in denen wir als Schwestern einen Konflikt haben, aber das dauert dann nur kurz“, erklärt Kim. Die starke Verbindung zwischen den beiden ist das ganze Gespräch über präsent. Sie tauschen kurze Blicke aus, ergänzen sich in ihren Aussagen und wissen dennoch um ihre Individualität, sodass jede ihren eigenen Raum einnehmen darf. Es gehe gar nicht darum, wer beispielsweise extrovertiert oder introvertiert sei, sagt Kim. Denn im Grunde genommen sei es ihre Unterschiedlichkeit, die ihr gemeinsames Wirken so besonders macht. Sie haben sich selbst nie verglichen, sie standen nie in Konkurrenz zueinander.
„Vielleicht müssen wir die Dinge zunächst auf die Spitze treiben, damit sie eines Tages zur Normalität werden können.“
Kim Nüesch
Viel entscheidender ist, wie man auf sich selbst blickt. Mit jedem Projekt, das die beiden realisierten, konnten sie ihre Vision schärfen und sich immer weiter hinterfragen. Denn es ging niemals um das eigene Ego, sondern darum, etwas zu verändern – nicht nur als Regisseurinnen, sondern vor allem als Frauen mit ihren eigenen Narrativen in einer männerdominierten Branche. Und so wurde aus ihrer Leidenschaft eine Haltung, und ihr Privates hielt Einzug in die Politik.
„In unserem neuesten Kurzfilm Marriage Unplugged, der aktuell auf YouTube und auf unserer Website zu sehen ist, haben wir uns zum ersten Mal intensiv mit der Darstellung von Sexualität auf der Leinwand auseinandergesetzt“, sagt Kim. .Dabei gab es auch interne Diskussionen, weil es uns sehr wichtig war, dass die weibliche Hauptfigur nicht – wie in vielen Filmen – sexualisiert wird. Dadurch entstanden am Set immer wieder Gespräche mit dem Team: untereinander, aber auch gemeinsam mit der Intimacy Coordinatorin, der Schauspielerin, der Kostümbildnerin und der Kamerafrau. Es war ein Prozess, in dem wir Entscheidungen immer wieder hinterfragt und bewusst unseren eigenen Blick verteidigt haben, ergänzt Kim.
Ihre Werke sind geprägt vom sogenannten Female Gaze, der die feministische Antwort auf den Male Gaze ist – also den männlich geprägten Blick auf Frauen und ihre Geschichte. Für Flo und Kim ist es keine bewusste Entscheidung, nur wenige männliche Hauptrollen zu besetzen. Vielmehr erzählen sie einfach aus der Frauenperspektive, wenn der Main Act eben weiblich ist.Ich habe ein Problem mit der konstanten Sexualisierung von Frauenkörpern, die nichts mit dem Narrativ zu tun haben, sagt Kim. Sie erzählen von einer Doku, die genau diese Problematik beleuchtet: „Brainwashed: Sexismus im Kino“ von Nina Menkes.
Dadurch wird sichtbar, welchen Einfluss das auf junge Frauen und Mädchen hat, wie wir Sexualität und uns selbst sehen. Wir schauen uns an, wie Männer uns ansehen. Als Regisseurinnen entwickeln wir uns selbst kontinuierlich weiter, um bewusst davon wegzukommen, fährt Kim fort. Die beiden hinterfragen sich immer wieder selbst, woher ihre eigenen Standards kommen – oft nämlich daher, dass man sich von Filmen, die von Männern gemacht wurden, inspirieren lässt und so ihre Perspektive übernimmt.
„Als Filmemacherin und als Frau hatte ich das Gefühl, in einem gewaltigen Strudel der Bildsprache zu ertrinken, aus dem es sehr schwer ist, sich zu befreien“, heisst es im Intro des Filmes „Brainwashed: Sexismus im Kino“ von der Regisseurin Nina Menkes. Mit dieser Erkenntnis wirken die Filme der Nüesch Sisters wie ein sicherer Hafen. Sie arbeiten selbstreflektiert, setzen bewusst auf den Female Gaze und darauf, mit Frauen zu arbeiten.
Ganz konkret gehe es ihnen darum, zu hinterfragen, warum ein Frauenkörper auf eine bestimmte Art gezeigt wird. Wieso wird er so gefilmt? Wer blickt darauf? Wie sind die Genderrollen im Film generell? Worüber sprechen die Protagonistinnen? Gibt es ausser dem love Interest noch ein anderes Thema? „Auch die Männerrollen, die wir in unseren Filmen hatten, sind nicht hypermaskulin und entsprechen nicht dem Stereotyp. Einerseits entspringen solche Rollen ja auch der Realität und andererseits können sie eine neue Realität kreieren“, sagt Flo.
Marriage Unplugged
Eine Frau steht mit ihrem Mann vor einem Schaufenster. Darin steht ein weiblicher Sexroboter nur in Unterwäsche bekleidet – und das Ehepaar diskutiert darüber, ob er ihn nun angeschaut hat oder nicht. Als sie den Showroom betreten, stehen darin noch weitere Modelle, nackt und gleichzeitig so real, wie die Frau betont. Ihrem Mann ist es sichtlich unangenehm, während sie all dem offen gegenübertritt und schliesslich Sexroboter „James“ zum Mitnehmen bestellt – ein Modell, das die Fähigkeit hat, kognitiv zu lernen und Bedürfnisse zu erkennen. Nach einem Cut befinden sich die drei im Schlafzimmer.
Was erstmal irritierend klingt, beschreibt die ersten Szenen des Kurzfilms «Marriage Unplugged». Innerhalb von 15 Minuten wird die Geschichte eines Ehepaars erzählt und eine ganze Klaviatur an gesellschaftlichen Themen bespielt: Künstliche Intelligenz, Sexualität, Kinderwunsch, Genderrollen, Karriere, Selbstverwirklichung und Humor. So stellt die Ehefrau den Roboter beispielsweise nach einem Streit in den Regen. Allerdings legt ihn der Mann später in eine Badewanne mit Reis als wäre er ein Smartphone, das ins Wasser gefallen ist. Bei dieser Aktion geht es nicht nur um eine Art elterliche Fürsorge, sondern auch um die eigene Unabhängigkeit. Die inhaltliche Tiefe der Geschichte geht Hand in Hand mit einer gewissen Leichtigkeit, sodass der Film durchgehend unterhaltsam bleibt.
This way of telling stories – where different backgrounds and motivations coexist – is typical of the work of the two directors, the Nüesch Sisters. Again and again, the Swiss directing duo explore compelling themes rooted in reality.
Aber auch hinter den Kulissen bleiben sie ihren Standards treu und sind sich ihrer Verantwortung über die Leinwand hinaus bewusst. „Als Regisseurinnen haben wir die Entscheidung darüber, mit welchen Leuten wir arbeiten. Wir haben uns bei Marriage Unplugged bewusst für eine weibliche Besetzung für die Heads of Departments entschieden“, sagt Kim. Während die beiden immer wieder versuchen, bei Projekten vorwiegend mit Frauen zu arbeiten, ist der Blick nach Hollywood sehr ernüchternd. Die beiden erzählen von einer Studie, die zeigt, wie wenig Gleichberechtigung in der Filmindustrie herrscht.
Denn laut der Studie des Center for the Study of Women in Television and Film an der San Diego State University wird deutlich, dass im Jahr 2024 bei nur 16 Prozent der umsatzstärksten Kinofilme Frauen Regie geführt haben. Eine Zahl, die deutlich macht, wie wichtig die Arbeit von Flo und Kim ist.
Während unseres Gesprächs kommen wir an einen Punkt, wo sie sehr selbstkritisch werden. Es geht um Sprache und darum, wie diese Realität kreiert. Kim erklärt, dass sie sich selbst immer wieder ermahnen müssen, sich als Regisseurinnen zu bezeichnen – und nicht als Regisseure. Im Englischen sei das einfacher, da sind sie Directors. Allein dieses Detail zeigt, dass Veränderungen im Grossen, aber genauso im Alltäglichen stattfinden muss. Wobei es auch dort immer wieder Abgrenzungen gibt und von Female Directors gesprochen wird. Es wird also ein Unterschied betont und somit bewusst gemacht, wodurch sogar eigene Preise für Female Directors etabliert wurden. Eine Auszeichung, die es bei gleichwertiger Arbeit nicht braucht.
"Kein Film ist perfekt, und kein Film kann es allen recht machen."
Flo Nüesch
Während wir über Strukturen und Machtverhältnisse sprechen, wird klar, dass sie es als Duo nicht immer leicht haben. „Es ist zwar nie böse gemeint, aber Systeme sind manchmal nicht für Duos gemacht“, sagt Kim. Flo erklärt, dass es oft Situationen gibt, in denen nur eine Person eingeplant ist – etwa bei Preisverleihungen oder Fellowships. Es sei schon vorgekommen, dass sie zwar in einem Hotelzimmer schlafen konnten, den zweiten Flug aber selbst bezahlt haben.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen die Gedanken lauter werden – oder ganz leise. Kim sagt: „Die finanzielle Unsicherheit im Regieberuf lässt uns manchmal an unserem Engagement zweifeln, vor allem in ruhigeren oder schwierigeren Phasen. Doch ist die Leidenschaft für unsere Arbeit trotzdem am Ende immer stärker als jeder Zweifel.“
Wenn die Berufung zum Beruf wird, ist es wichtig, einen gesunden Umgang damit zu finden. Das Narrativ, dass man angeblich nie mehr im klassischen Sinne arbeiten muss, wenn der Job so erfüllend ist, kann für enormen Druck sorgen. Die beiden wissen daher um einen realistischen Umgang damit. Als Kreativarbeitende und Freelancer gibt es oft keine klaren Arbeitszeiten und wenig vorgegebene Struktur. «Umso wichtiger ist eine bewusste Work-Life-Balance. „Dazu gehört für mich zum Beispiel, am Abend keine E-Mails zu beantworten. Oder dass ich nach einem arbeitsreichen Wochenende am Montag oder Dienstag etwas herunterfahre“, sagt Flo. Ihr geben vor allem alltägliche Dinge wie gutes Essen, gemeinsames Kochen und Zeit mit anderen Kraft. Umgekehrt weiss sie ihre Me-Time sehr zu schätzen und schafft es durch ruhige Momente, neue Energie zu sammeln und bei sich selbst zu bleiben.
Kim sieht das genauso: „Im Alltag ist mir Zeit mit meinen Freund:innen sehr wichtig. Dazu gehören auch gute Bücher und natürlich gute Filme, tanzen gehen und Kreuzworträtsel mit meinem Partner im Bett lösen. Und wenn wir von wirklich kleinen Dingen sprechen, die mir Freude machen – mein neuer, sehr süsser Kater Hiro, benannt nach dem Regisseur Hirokazu Koreeda, ist ebenfalls ein Teil davon.“
Trotz all der Hürden und Herausforderungen sind Flo und Kim immer ihren eigenen Weg gegangen. Und auch hier wird deutlich, dass dieser nicht immer nur dem eigenen Ideal folgt. Ganz selbstverständlich sprechen wir darüber, dass es unterschiedliche Arten von Projekten gibt – dazu gehören Aufträge für Kund:innen genauso wie eigene Filme.
„Es gibt auch Regisseurinnen und Regisseure, die nur eigene Projekte und keine Branded Filme machen. Aber eigentlich ist es ja kein Widerspruch, denn es heisst ja nicht, dass es weniger um Passion geht, nur weil wir für eine andere Brand arbeiten“, sagt Kim. So handelt beispielsweise der Modefilm „Through the Storm“, den sie im Auftrag der italienischen Vogue geschrieben und produziert haben, von der Isolation während der Pandemie und davon, wie die Nachrichten aus aller Welt einem Sturm gleichen. Der Film steht ihren eigenen Projekten in nichts nach, bedient sich ebenso ästhetischer wie gesellschaftskritischer Merkmale. Natürlich gebe es auch Projekte, die sie absagen, denn „wenn es sich nicht richtig anfühlt, ist es nicht das Richtige“, sagt Flo. So ehrlich sind sie zu sich selbst. Umgekehrt komme es immer wieder zu Situationen im Arbeitsalltag, in denen man nachgeben muss.
Flo ergänzt: „Besonders dann, wenn man angestellt ist und nicht an eigenen Projekten arbeitet. Ich habe eine klare Haltung und einen starken eigenen Zugang zu meiner Arbeit und gleichzeitig ist mir der Dialog wichtig. Film ist Teamarbeit, und gerade in der Zusammenarbeit mit der Crew oder mit Auftraggeber: innen entstehen durch diesen Austausch oft neue Ebenen, die man alleine nicht erreicht hätte.» Sie führt weiter aus: «Dennoch verwirklichen wir uns in unseren narrativen Filmen so vollständig wie möglich, weil wir dabei freier sind und sie von A bis Z unsere eigene Handschrift tragen. Wahre Freiheit liegt dabei im Detail und darin, alles so weit wie möglich nach eigenem Belieben zu gestalten.»
Schon in ihrer Anfangszeit hatten sie diese Detailverliebtheit, die sich natürlich weiterentwickelt hat, aber schon immer fester Bestandteil ihrer Arbeit war. Kim sagt: „Konkret hat das damit angefangen, dass wir uns nicht nur mit der Geschichte auseinandergesetzt haben, sondern auch gefragt haben: Wie soll dieser Moment gedreht werden? Welche Farben sollen in diesem Bild sein?» Flo: «Wir haben dadurch ein Verständnis dafür entwickelt, welche Komponenten entscheidend sein können.“
Wie bei allen Künstler:innen hat es dennoch eine Zeit gedauert, bis sie ihre Perspektive gefunden hatten. Flo sagt: «Der erste Film, bei dem wir unseren Stil gefunden haben, war wahrscheinlich Moongirls, den wir in der Uni gemacht haben.» Ästhetik spielt eine massgebliche Rolle bei ihrer Arbeit, denn Filme leben von ihrer Visualität. Im Gegensatz dazu versuchen sie, mit gängigen Schönheitsnormen zu brechen. „Für mich geht es beim Filmmachen nicht um Schönheit, sondern mehr um Ästhetik“, sagt Flo. Und Kim ergänzt: „Schönheit bezieht sich für mich auf einen Menschen und Ästhetik auf die Welt und eine gewisse Balance.“ Dabei bezieht sich Schönheit nicht nur auf das Äusserliche, sondern kommt auch von innen. Vom Charisma und sich Wohlfühlen. Dieses Spannungsfeld ist extrem interessant. Denn einerseits braucht es Anschlussfähigkeit, damit die Filme gesehen werden, und andererseits spielt die eigene Haltung eine wichtige Rolle.
Wie schön darf also jemand sein? Wie wichtig ist diese Schönheit im Film? Wie extrem werden Themen überhaupt behandelt? Als weibliche Regisseurinnen bewegen sie sich in einer ständigen Ambivalenz. Dazu sagt Flo, dass alles, was man macht, eine bewusste Entscheidung sei, die erstmal überdacht werden muss. Flo: „Kein Film ist perfekt und kann auch nicht allen gefallen.“ Dennoch sind sie sich dessen bewusst, dass sie mit ihrer Arbeit selbst für Sichtbarkeit und Veränderung sorgen können. „Vielleicht muss man es erst ein bisschen extrem machen, damit es irgendwann normal wird“, reflektiert Kim. Es sei nicht ihr Stil, alles gewollt anders zu machen und damit zu polarisieren. Sie lassen ihre Filme für sich sprechen. Durch weltweite Auszeichnungen auf Filmfestivals geben sie gesellschaftlichen Themen und weiblichen Perspektiven Sichtbarkeit – und stehen diesen ästhetisch in nichts nach.
Eigentlich ist das mit der Schönheit nicht so einfach. Denn einerseits hat sie sich weiterentwickelt und andererseits sehen wir auf Social Media nach wie vor ungesunde Standards, die es auch schon früher gab, und diskutieren immer noch öffentlich darüber, wie Frauen auszusehen haben. Aus diesem Grund braucht es Gegenbewegungen – Filme, Bücher, Kunst und Diskussionen, die zeigen, dass es dabei immer um einen individuellen Blick und niemals um eine kollektive Bewertung gehen sollte. Es braucht in Filmen, aber auch in anderen visuellen Medien eine Abbildung der Realität.
Neben Strukturen, denen man entgegenwirken kann, gibt es Veränderungen, die unaufhaltsam sind. KI ist unaufhaltsam und wird bestimmt in einigen Teilen der Filmproduktion benutzt werden. Aber wir glauben nicht, dass Regiesseur:innen ganz ersetzt werden. The Second Screen Phenomenon ist ein anderer Trend. Die Streamers passen ihre Drehbücher so an, dass man den Film oder die Serie auch versteht wenn man beim Schauen die ganze Zeit am Handy hängt. Informationen werden also wiederholt und der Plot sogar vollkommen im Dialog erklärt.
Wie bei jedem Handwerk gibt es wohl eine gewisse Nostalgie. Denn während dieser Text seinen Platz in einem Printmagazin gefunden und bekommen hat, scheint bei Filmschaffenden das Kino der wichtigste Schauplatz dafür zu sein. Wir sprechen darüber, dass dort eine Art Isolation stattfindet: bewusstes Zeitnehmen, keine Ablenkung und keine Smartphones. «Ich habe das Gefühl, dass durch Social Media die Schönheit von Filmen nicht mehr so wertgeschätzt wird», sagt Flo. Für sie sei das Kino daher einer der letzten Räume, in denen man wirklich fokussiert ist und wo der Film im Mittelpunkt steht. Es wirkt, als wollten sie in all dieser Schnelllebigkeit Momente und Denkanstösse kreieren, die im Gedächtnis bleiben.
Umgekehrt ist ihnen wichtig, dass diese auch ihren eigenen Gedanken entspringen. „Ich würde niemals ein Drehbuch mit KI schreiben“, sagt Kim. Sie hätten eine gewisse Angst davor, dass dadurch der eigene Stil und die Schreibart der Drehbücher gestohlen wird – weil die KI ja mit diesen Informationen arbeitet. „Woher wissen wir, dass unsere Idee dann nicht anderen vorgeschlagen wird, die Input für ihr Drehbuch suchen?“, sagt Flo. Da ist sie wieder, die Gleichzeitigkeit in ihrer Arbeit. In einem Moment geht es noch um Ästhetik und den perfekten Moment und kurz darauf um eine Entwicklung, von der man sich bewusst abgrenzen möchte. Vor fast 60 Jahren sagte Andy Warhol, dass in Zukunft jeder 15 Minuten berühmt sein würde. Er ahnte noch nicht, dass die Aufmerksamkeitsspanne deutlich kürzer sein würde und die Herausforderung mehr beinhaltet, als Ruhm zu erlangen. Es wirkt beinahe rebellisch, Social Media bewusst als Medium für Behind-the-Scenes-Content zu sehen und sich diesem Druck nicht zu unterwerfen.
Stattdessen arbeiten Flo und Kim gerade an zwei Projekten, die nicht konträrer sein könnten. Im September letzten Jahres haben sie ihren ersten Kunstfilm gedreht. „Er heisst (Un)becoming und ist eine Art künstlerisches Manifest und unsere Antwort auf die Regression der politischen Situation weltweit», sagt Flo. Er setzt sich damit auseinander, was es bedeutet, eine Frau zu sein – in der aktuellen Zeit, in der Frauenrechte weltweit massiv unter Druck geraten. Einerseits sei es herausfordernd gewesen, weil sie dieses Genre noch nicht bedient hatten und andererseits schenkten sie sich damit selbst auch eine gewisse Freiheit. «Wir konnten deutlich mutiger sein und Dinge extremer machen. Gleichzeitig haben wir auch theatralische Elemente eingebracht», sagt Kim.
Ausserdem arbeiten sie an ihrem ersten Spielfilm. „Es geht dabei um Misskommunikation und generationelle Unterschiede zwischen einer Millennial-Tochter und einem Boomer-Vater“, erklärt Kim. Im Moment würden sie noch am Drehbuch schreiben. Die Idee dafür sei bei Gesprächen mit Freund:innen entstanden, die alle ähnliche Erfahrungen mit ihren Vätern gemacht hätten. Oft hätte man in der Familie aneinander vorbeigeredet. Um nicht nur ihre eigene Perspektive einzubringen, soll der Film unterschiedliche Generationen ansprechen – denn das, was alle verbindet, ist, sich manchmal nicht verstanden zu fühlen.
Auch dieser Ansatz ist ebenso zugänglich wie genial. Denn obwohl sich niemand verstanden fühlt, verstehen alle, wie es sich anfühlt. Sie schaffen es, ein Kollektiv anzusprechen und durch Verständnis zu vereinen. Und ganz nebenbei kommt die ganze Klaviatur an Themen zur Sprache, die mittlerweile zum Repertoire ihrer Filme gehören. Diese Gleichzeitigkeit ist nicht nur ihre Leidenschaft, sondern spiegelt den Wunsch wider, schon immer einen Spielfilm machen zu wollen, wie Flo erklärt. Diese Art, Filme zu machen, ist Kunst. Sie liefern keine Antworten, wollen ihre Haltung nicht aufdrängen, sondern unterschiedliche Perspektiven einbringen. Sie haben verstanden, wie wirkungsvoll ihre Narrative sein können. Immer wieder zeigen sie, wie man auf die Welt blicken kann und schaffen es dabei, die Zuschauer:innen zu diesem cineastischen Dialog einzuladen. So liefern sie keine festgefahrenen Antworten, drängen ihre Haltung nicht auf – und schaffen es als Duo, sich trotzdem in diesem Spannungsfeld zu bewegen.




